Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften

Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften leben Regionalität

Bei regionalen Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften kooperieren landwirtschaftliche und verarbeitende Betriebe mit ihrer Kundschaft. Davon profitieren alle: Für die Betriebe sind feste Abnahmen garantiert. Die Verbraucherinnen und Verbraucher sichern sich selbst in Krisenzeiten frische regionale Bio-Lebensmittel.

Etwas größer denken als bei der Solidarischen Landwirtschaft und trotzdem in der Region verwurzelt bleiben – das geht mit regionalen Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaften (EVG). Als eines der bundesweit seltenen ökologischen Modelle für gelebte Regionalität versteht sich die Lübecker EVG Landwege.

Der Anlass zur Gründung war die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Seitdem hat sich viel verändert, aber das Ziel der Genossenschaft lautet nach wie vor: Den Ökolandbau vor Ort zu fördern und die Mitglieder mit hochwertigen regionalen Bio-Lebensmitteln zu versorgen. Fünf zur Genossenschaft gehörige Bio-Läden in Lübeck und Bad Schwartau führen die Produkte von rund 30 Mitgliedshöfen. Wer Mitglied werden möchte, muss mindestens einen Anteilsschein von 50 Euro erwerben sowie eine einmalige Aufnahmegebühr in gleicher Höhe bezahlen. Etwa 1.000 Mitglieder machen mit, darunter viele Familien. Aber warum gerade eine Genossenschaft?

Gelebte Verbraucherbeteiligung

"Die Rechtsform der Genossenschaft bildet das ab, wofür wir stehen – Beteiligung der Verbraucher, Landwirte und Mitarbeiter", erläutert Landwege-Geschäftsführer Klaus Lorenzen. Im Unterschied zur Kapitalgesellschaft hat hier jeder und jede das gleiche Stimmrecht – unabhängig von der Höhe der Anteile. Das schafft Identifikation, genau wie die Mitgliederversammlungen, Hofbesuche und gemeinsamen Feste.

Aufgabe von Geschäftsführung und Aufsichtsrat ist es, die Interessen von Verbraucherinnen und Verbrauchern, Höfen und 140 Mitarbeitenden in Balance zu halten. Das geht leichter als gedacht. Denn das Verständnis für den Wert regionaler Bio-Produkte ist den letzten Jahren gewachsen: "Warum der hiesige Fenchel teuer ist als der aus Italien, müssen wir heute nicht mehr diskutieren", freut sich Lorenzen. Gerade in Krisenzeiten bewähre sich das Regionalprojekt: Die Lieferketten stimmen und es liegt ausreichend Bio-Ware in den Läden.

Genossenschaften in Süd und Ost

Zu den Pionieren gehört auch Tagwerk im Landkreis Erding. Bei der bereits 1984 gegründeten Verbraucher- und Erzeugergenossenschaft vermarkten über hundert Erzeugerinnen und Erzeuger, zahlreiche regionale Verarbeitungsbetriebe und Händlerinnen und Händler biologisch zertifizierte Lebensmittel bis nach München. Besonders stolz sind die bayrischen Genossinnen und Genossen auf ihre eigene Bio-Metzgerei.

Gründungsidee der Weimarer Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft Biofrische war es, regionale Bio-Ware für städtische Kundinnen und Kunden verfügbar zu machen.  Das war vor zwanzig Jahren schwierig. Heute hat die EVG 1.000 Mitglieder und betreibt zwei Bio-Märkte. Nach wie vor versteht sie sich als Vermittlerin zwischen Öko-Betrieben und Verbraucherinnen und Verbrauchern. "Sie sollen erfahren, wo ihre Lebensmittel herkommen und wie aufwendig es ist, sie zu produzieren", heißt es im Film.

Ursprung der Genossenschaft

Gemeinsam seine Ziele besser zu erreichen als im Alleingang, lautet das Ziel einer jeden Genossenschaft. Eine Genossenschaft hat mindestens drei Mitglieder, ist aber offen für viele. Privatwirtschaftliche Genossenschaften sind im Wohnungsbau weit verbreitet. Die Idee wurzelt aber in der Landwirtschaft. Das altdeutsche Wort "noz" bedeutet Vieh. Wer einen Anteil am Vieh beziehungsweise einer Viehweide hatte, hieß "Ginoz". Daraus wurde in der Neuzeit der "Genosse".

Drei Fragen an Dr. Markus Weingardt

Die neue Regionalgenossenschaft Xäls im Neckar-Alb-Kreis bringt Vertreterinnen und Vertreter aus Erzeugung, Verarbeitung, Handel und Konsum an einen Tisch. Gemeinsam wollen sie die ökologische Lebensmittelwirtschaft in der Region stärken. Der promovierte Politologe Markus Weingardt engagiert sich dort von Anfang an als Verbraucher.

"Xäls ist selbstgemacht, vielfältig und regional"

Oekolandbau.de: Wie sind Sie denn auf den ausgefallenen Namen Xäls gekommen?

Dr. Markus Weingardt: Nach endlosen Überlegungen haben wir in einem mehrstündigen Workshop unter professioneller Anleitung ein wildes Brainstorming gemacht. Dabei fiel der Name "Xäls". Irgendwann war allen klar: Das muss unser Name sein! "Xäls" ist das schwäbische Wort für Konfitüre beziehungsweise Marmelade. Aber es ist eben auch mehr als das. Denn das schwäbische "Xäls" gibt es nicht im Supermarkt. Xäls ist keine Massen- oder Industrieware. Xäls ist aus eigenen Früchten selbst gemacht, vielfältig, regional und traditionell. Es wird heute gemacht, um viel später noch davon zu profitieren. Ein simples Rezept mit großer Wirkung. Für all das steht eben auch unsere Ökologische Genossenschaft Neckar-Alb.

Oekolandbau.de: Welche Rolle spielen die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Genossenschaft? Was möchten sie anregen?

Dr. Weingardt: Xäls ist eine bundesweit einzigartige Erzeuger-Verarbeiter-Händler-Verbraucher-Genossenschaft! Im achtköpfigen Aufsichtsrat von Xäls sitzen darum gleichberechtigt je zwei Vertreterinnen und Vertreter dieser vier Akteursgruppen. Dort oder an den Runden Tischen können sie ihre Fragen und Interessen direkt einbringen. Als Verbraucher zum Beispiel: Warum gibt es kein Müsli oder Tomaten-Passata aus der Region? Muss das so sein? Oder kann Xäls vielleicht dazu beitragen, dass es das in Zukunft gibt? Oder wie kann Xäls helfen, dass die Schulmensa oder Behördenkantine (mehr) Bio-Essen anbietet? In der Generalversammlung, dem mächtigsten Gremium der Genossenschaft, haben die Verbraucherinnen und Verbraucher natürlich die große Mehrheit.

Oekolandbau.de: Gibt es auch Diskussionen zwischen Erzeugerinnen und Erzeugern und Verbraucherinnen und Verbrauchern? Zum Beispiel beim Wunsch nach mehr Tierwohl?

Dr. Weingardt: Natürlich, Xäls ist ja gerade dafür da, dass es solche Diskussionen gibt! Dadurch lernt man einander kennen und kann Verständnis füreinander entwickeln. Sicher gibt es nicht immer einen Konsens, etwa bei der Frage, ob Kühe Hörner tragen sollen oder nicht. Da sind ja selbst die Bio-Verbände nicht einer Meinung.

Aber Xäls ermöglicht, sich mehr darüber auszutauschen. Wir lernen die Perspektive der Erzeuger kennen. Warum müssen die Kartoffeln nach einem feuchten Jahr mehr kosten? Wer das versteht, akzeptiert auch die höheren Preise. Die Erzeuger, Verarbeiter und Händler erfahren, worauf viele Menschen Wert legen und was sie vielleicht noch besser machen oder zumindest besser erklären können. Wir sitzen alle im selben Boot. Es ist höchste Zeit, dass wir mit vereinten Kräften umsteuern und in eine andere Richtung rudern.


Letzte Aktualisierung 20.07.2020

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