Tierwohl in der Schweinehaltung

Tierwohl in der Schweinehaltung verbessern

Interview mit Dr. Kees Scheepens

Der Niederländer Dr. Kees Scheepens ist Tierarzt und Spezialist für das natürliche Verhalten von Schweinen. Seit 33 Jahren berät er konventionelle und ökologische Schweinebetriebe in Deutschland und den Niederlanden bei der Optimierung ihrer Ställe. Seine Empfehlungen beruhen vor allem auf genauer Beobachtung der Schweine und ihres Verhaltens. Als sogenannter "Schweineflüsterer" hat er mit diesem Ansatz inzwischen über 15.000 Landwirtinnen und Landwirte beraten. In der niederländischen Provinz Brabant hält Scheepens selber rund 50 Schweine in ökologischer Freilandhaltung.

oekolandbau.de: Herr Scheepens, worin unterscheiden sich Schweine besonders von anderen domestizierten Tierarten wie Rindern oder Hühnern?

Scheepens: Schweine haben ein sehr ausgeprägtes Erkundungsverhalten. Das heißt, sie sind in ihren aktiven Phasen häufig auf der Suche nach neuen Gegenständen und ähnlichem. Noch ausgeprägter ist im Vergleich mit anderen Nutztierarten aber ihr Hygieneverhalten. Schweine sind von Natur aus sehr hygienische, saubere Tiere. Sie versuchen zum Beispiel, möglichst weit weg vom eigenen Nest zu koten und zu urinieren.

oekolandbau.de: Werden diese natürlichen Verhaltensweisen im modernen Stallbau ausreichend berücksichtigt?

Scheepens: Kaum. Meine Freilandschweine sind alle sehr sauber, weil sie weit entfernt von ihren Liegebereichen Koten und Urinieren können. Das tun sie übrigens an unterschiedlichen Stellen auf dem Gelände. Insbesondere durch die in Deutschland nach wie vor zugelassene Haltung auf Vollspaltenböden wurde das Abkoten und Urinieren der Tiere dagegen zusammengelegt. Das schafft Probleme. So sind die Tiere entgegen ihrem angeborenen Hygieneverhalten oft stark verschmutzt. Noch schwerer wiegen die häufig sehr hohen Ammoniakgehalte in der Luft im Stall, die Tier, Mensch und Umwelt schaden. Ammoniak entsteht nur, wenn Kot und Harn der Tiere zusammenkommen, was auf Spaltenböden automatisch passiert. Spaltenböden bieten arbeitswirtschaftlich bestimmt Vorteile. Aber aus Sicht des Tierwohls und der Tiergesundheit sind sie eine Technik aus dem vorigen Jahrhundert.

oekolandbau.de: Gibt es eine Lösung für das Problem?

Scheepens: Ich habe eine Art Schweinetoilette für die Stallhaltung entwickelt mit zwei getrennten Bereichen, ein Mal fürs Pinkeln, ein Mal für das Abkoten. Über ein Belohnungssystem lernten die Tiere in wenigen Tagen, was in welcher Box zu tun ist. Der Vorteil: Keine Ammoniakentwicklung, saubere Tiere und die Möglichkeit, Urin und Kot getrennt zu sammeln und getrennt als Wirtschaftsdünger auszubringen.

oekolandbau.de: Sie haben in ihrer über 30-jährigen Tätigkeit unzählige Ställe gesehen und optimiert. Welches Problem tritt am häufigsten auf?

Scheepens: Ganz klar die Wasserversorgung. Die stimmt fast nie, auch nicht auf vielen Top-Betrieben. Fast immer gibt es zu wenig Nippeltränken und die Durchflussrate der vorhandenden Tränken ist viel zu gering. Die Tiere müssen sich unglaublich anstrengen und bekommen meist doch zu wenig Wasser. Das hat oft Schwanzbeißen zur Folge, da die Tiere ihren Frust an anderen Tieren auslassen.

oekolandbau.de: Wie sehen Sie die Vorgaben des Ökolandbaus? Können die Tiere ihr natürliches Verhalten in Ökoställen besser ausleben?

Scheepens: Eindeutig ja. Die Schweine können sich durch den vorgeschriebenen Außenbereich in unterschiedlichen Klimabereichen aufhalten und sie haben viel mehr Ablenkung, weil sie draußen zum Beispiel viel mehr erkunden und wühlen können. Stroh als Einstreu tut den Tieren ebenfalls sehr gut. Denn im Stroh können sie ihrem Erkundungsverhalten intensiv nachgehen. Außerdem ist es ein ideales Substrat für den Liegebereich. Stroh ist ein tolles Produkt, das nach meiner Erfahrung immer noch unterschätzt wird und durch die vieldiskutierte Belastung mit Mycotoxinen oft zu schlecht wegkommt.

oekolandbau.de: Wie sieht es mit dem größeren Platzangebot aus?

Scheepens: Wenn es den Tieren insgesamt gut geht, ist das zusätzliche Platzangebot in der Biohaltung gar nicht so entscheidend für das Wohl der Schweine. Allerdings bietet es natürlich Vorteile in Stresssituationen, etwa bei großer Hitze im Sommer. Denn dann wollen natürlich alle Tiere einen möglichst großen Abstand zu ihren Artgenossen halten und können dies auch ausleben.

oekolandbau.de: Wo sehen Sie noch Optimierungsbedarf in der ökologischen Haltung?

Scheepens: Die Trennung von Kot und Harn ist auch hier nicht berücksichtigt. Zudem sollten laktierende Sauen und ihre Ferkel Zugang zur Weide haben. So können die Ferkel zusätzlich Eisen über den Sand aufnehmen und einem potenziellen Eisenmangel vorbeugen. Dadurch hat man in der Regel auch weniger Probleme mit Streptokokken.

oekolandbau.de: Welches der derzeit diskutierten Systeme der Ferkelkastration würden Sie empfehlen?

Scheepens: Gar keins. Kastrieren ist einfach nicht okay. Es zerstört die körperliche Integrität der Tiere, genau wie das Kupieren der Schwänze. Ein vollständiger Verzicht beider Maßnahmen wäre deshalb wünschenswert. Auch bei meinen Schweinen verzichte ich komplett darauf. Das funktioniert, weil ich die Tiere mit 70 Kilogramm schlachten lasse. Also in einem Alter, in dem die Schweine noch keinen unerwünschten Ebergeruch entwickeln können. Auch das Schwanzkupieren ist überflüssig, wenn das Futter- und Wasserangebot stimmen und auch das übrige Haltungssystem passt. Der Ringelschwanz ist nämlich ein wichtiges Organ für Schweine, um etwa ihr Wohlbefinden ausdrücken.

oekolandbau.de: Stroh, Außenbereiche, Verzicht auf Spaltenboden – all das macht die Haltung von Schweinen teurer. Lohnt es sich auch wirtschaftlich für Betriebe, in mehr Tierwohl zu investieren?

Scheepens: In Tierwohl zu investieren bringt vor allem mehr Gesundheit. In einer optimalen Umgebung sind Schweine weniger anfällig und müssen viel seltener behandelt werden. Eine aktuelle Studie der Universität Wageningen hat gerade bestätigt, dass sich durch den besseren Gesundheitsstatus bei artgerechter Haltung auch die Tageszunahmen erhöhen. Das heißt, dass Investitionen in Tierwohl nicht nur gut für die Schweine sind, sondern auch für die Wirtschaftlichkeit eines Betriebs.

oekolandbau.de: Was empfehlen Sie Betrieben vor der Planung eines neuen Stalls?

Scheepens: Ein Stallbau ist immer eine sehr betriebsindividuelle Sache. Deshalb möchte ich nur ganz allgemein sagen, dass man sich sehr intensiv beraten lassen sollte und dass man unbedingt versuchen sollte, mehr in die Zukunft als in der Gegenwart zu denken. Denn was heute Standard ist, kann in fünf Jahren schon rückständig sein. Das sollte man auch ganz praktisch umsetzen, indem man beim Bau natürlich für eine feste Hülle sorgt, aber alles im Inneren so flexibel wie möglich gestaltet. Das Ziel muss sein, später mit möglichst wenig Geld und Aufwand Anpassungen vornehmen zu können, die das Tierwohl verbessern oder mit denen man kurzfristig auf neue politische Vorgaben reagieren kann.

oekolandbau.de: Was ist aus Ihrer Sicht das perfekte Haltungssystem?

Scheepens: Die Freilandhaltung, kein System ist besser für das Tierwohl und die Tiergesundheit. Wenn es gut gemacht wird, gibt es auch keine Probleme mit Salmonellen, Toxoplasmosen und anderen unerwünschten Keimen. Bei mir zu Hause habe ich damit keine Probleme. Und in England gibt es sogar Farmen, die bis zu 30.000 Schweine in Freilandhaltung mästen und wirtschaftlich erfolgreich sind. Also scheint das auch im größeren Maßstab gut zu funktionieren.


Letzte Aktualisierung 05.11.2019

Leitfaden Tierwohl

Leitfaden der Anbauverbände Bioland, Demeter und Naturland zur Beurteilung des Wohles der Tiere im landwirtschaftlichen Betrieb, Anbauverbände Bioland, Demeter und Naturland

KTBL: Tierwohl bewerten

Wie kann das Tierwohl im Betrieb bewertet werden?

Zur Webseite des KTBL

Nach oben