Qualität ist mehr als Freiheit von Schadstoffen

Qualität ist mehr als Freiheit von Schadstoffen

Immer wieder berichten Medien über neue Funde von unerwünschten Stoffen in Lebensmitteln. Politik und Verbraucherorganisationen fordern, daraus Konsequenzen zu ziehen. Was bedeutet diese Entwicklung für die Biobranche? Dr. Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL), stellt sich diesem komplexen und kontrovers diskutierten Thema.

Oekolandbau.de: Herr Beck, die AöL hat sich in den letzten Monaten sehr intensiv mit der Qualität von Biolebensmitteln beschäftigt. Was war der Anlass dafür?

Beck: In den aktuellen Diskussionen zum Verbraucherschutz werden die Begriffe "Qualität" und "Sicherheit" sehr häufig synonym gebraucht und damit irreführend verwendet. Das Konzept eines vorsorgeorientierten Verbraucherschutzes reduziert Qualität zunehmend auf einen individualisierten Gesundheitsbegriff. Die sich kontinuierlich verbessernde Analytik führt ständig zu neuen Problemfällen. Was gestern noch genussvoll verspeist wurde, ist morgen krebserregend und nicht mehr verzehrfähig. Die fast ausschließliche Fokussierung des Qualitätsbegriffs auf die Freiheit von Kontaminationen verstellt unseren Blick dafür, die Qualität von Lebensmitteln ganzheitlich zu sehen.

Oekolandbau.de: Was verstehen Sie unter Qualität beziehungsweise unter einem natürlichen Lebensmittel?

Beck: Wir sind in dem naturalistischen Ansatz der Biobewegung verwurzelt. Aus unserer Sicht entsteht Qualität aus einem möglichst naturnahen Werdeprozess eines Lebensmittels – angefangen von der Landwirtschaft über die Herstellung bis hin zum Endprodukt. Bei all diesen Prozessen sollen die Umwelt geschont und gesellschaftliche Schäden vermieden werden. Wir wünschen uns vollwertige und nahrhafte Lebensmittel, die unsere Gesundheit und Leistungsfähigkeit fördern und darüber hinaus Bestandteil einer gesunden Lebens- und Ernährungsform sind. Sicherheit ist dafür eine Voraussetzung - jedoch lange nicht alles.

Oekolandbau.de: Verbraucherinnen und Verbraucher erwarten, dass Biolebensmittel keine Schadstoffe enthalten. Sehen Sie das auch so?

Beck: Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir möglichst wenige oder gar keine Chemikalien in die Natur entlassen sollten, die potentiell schädlich sind. Pestizide oder andere Chemikalien, die wir nicht anwenden, machen uns später keine Probleme. In einer Welt, in der Chemikalien exzessiv in die Umwelt entlassen werden und zum Bestandteil des heutigen Lebensstils gehören, können wir nicht garantieren, dass Lebensmittel stets frei von jeglicher Kontamination sind. Wer das als oberstes Prinzip einfordert, kommt in Konflikt mit anderen Qualitätszielen.

Oekolandbau.de: Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Beck: Wir haben in den letzten Jahrzehnten viele problematische Chemikalien überall in der Umwelt verteilt. Das können auch Biobetriebe nicht rückgängig machen. Wenn die Freilandhaltungen von Huhn, Schwein und Rind jetzt regelmäßig wegen Kontaminationsrisiken unter Druck geraten: Wie wollen wir dann das Versprechen erfüllen, tiergerechte Haltungssysteme zu etablieren?

Oekolandbau.de: Welchen Ausweg sehen Sie aus diesem Dilemma?

Beck: Wir haben dazu keine fertigen Rezepte; die gibt es bei diesen komplexen Fragen nicht. Was wir brauchen, ist eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was wir unter einer zukunftsfähigen  Lebensmittelproduktion verstehen. Was ist uns wichtig? Welche Art von Produktionssystemen wollen wir eher fördern, welche eher begrenzen? Bei welchen Rahmenbedingungen hat ein naturalistisches Verständnis von Lebensmittelherstellung überhaupt noch eine Chance? Oder wollen wir die Angstökonomie zu Ende denken? Dann landen wir bei einer synthetischen Erzeugung unserer Lebensmittel, die vollkommen vom Menschen kontrolliert wird. Wir glauben nicht, dass sich Verbraucherinnen und Verbraucher das wünschen.

Oekolandbau.de: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Beck.


Die Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL)e.V. ist ein Zusammenschluss von über 100 Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft in Deutschland, Österreich und den Niederlanden. Ihre Mitglieder erwirtschaften einen Bioumsatz von über drei Milliarden Euro jährlich.


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