Immunokastration – ein umstrittenes Thema im Ökolandbau

Immunokastration – ein umstrittenes Thema im Ökolandbau

Derzeit wird darüber diskutiert, ob die Immunokastration für Öko-Betriebe weiterhin zulässig bleibt. Laut EU-Kommission entspricht dieses Verfahren nicht den Prinzipien des ökologischen Landbaus und ist daher nicht mit dem EU-Öko-Recht vereinbar. Vertreterinnen und Vertreter aus Tiermedizin, Tierschutz und der Öko-Branche reagieren mit Unverständnis.

Derzeit gibt es vier zulässige Verfahren, die auch im Ökolandbau als Alternative für die betäubungslose Ferkelkastration infrage kommen. Eine davon ist die Impfung gegen Ebergeruch – Immunokastration genannt. Dabei wird den männlichen Schweinen ein Impfstoff (derzeit Improvac®) verabreicht, der bewirkt, dass Tiere Antikörper erzeugen, die die Produktion von Geschlechtshormonen unterdrücken. Eine chirurgische Kastration ist somit nicht nötig. Die Immunokastration ist laut eines Beschlusses der Länderarbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau seit 2010 für den Ökolandbau in Deutschland zulässig und wird auf verschiedenen Öko-Betrieben bereits angewendet.

EU-Kommission: Immunokastration nicht mit EU-Öko-Recht vereinbar

Die Europäische Kommission hat in den vergangenen Jahren bereits in verschiedenen Stellungnahmen an die Mitgliedstaaten zum Ausdruck gebracht, dass aus ihrer Sicht die Immunokastration im Ökolandbau nicht den Prinzipien des ökologischen Landbaus entspricht. Ein solcher Eingriff in das Hormonsystem der Tiere stehe der Grundidee des Ökolandbaus entgegen und sei somit nicht mit dem EU-Öko-Recht vereinbar. Zuletzt hatte die Kommission diese Position in einer Antwort auf ein Schreiben, das der Bund auf Bitten der Länder im Mai 2020 an sie gerichtet hatte, bekräftigt.

Die Länderarbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (LÖK), die unter anderem zuständig für die landesweite Auslegung des EU-Öko-Rechts ist, hatte daraufhin vorgeschlagen, die Immunokastration für Öko-Betriebe in Deutschland zu verbieten.

Protest von Tierschutz- und Tierärzteverbänden

Die Entscheidung der EU und der Vorschlag der LÖK sorgten an mehreren Stellen für Unverständnis. Neben dem Öko-Verband Naturland, dessen Mitglieder das Verfahren bereits seit einigen Jahren anwenden, äußerten vor allem Tierschutz- und Tierärzteverbände Kritik an den Plänen für ein Verbot der Immunokastration im Ökolandbau  – unter anderem die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT), der Deutsche Tierschutzbund, die Tierschutzbeauftragten der Länder und PROVIEH e.V.

Die TVT schreibt in einer Pressemitteilung, dass aus ihrer Sicht die chirurgische Entfernung der Hoden ein viel drastischerer Eingriff in den Hormonhaushalt der Schweine sei als die Immunokastration: "Bei dem Impfstoff zur Verhinderung des Geschlechtsgeruchs des Fleisches männlicher Schweine handelt es sich nämlich nicht um ein Hormon, sondern um ein hormonell vollkommen inaktives synthetisches Imitat eines körpereigenen Botenstoffes." Die chirurgische Kastration, so die TVT weiter, verletze daher die körperliche Integrität der Tiere weitaus stärker als die immunologische Senkung des Hormonspiegels. Darüber hinaus bestünden erhebliche Narkose- und Operationsrisiken. Deswegen sei aus tierschutzfachlicher Sicht die Impfung gegen Ebergeruch die mit Abstand geeignetste Alternative zur betäubungslosen Ferkelkastration. Dies wird auch durch eine Studie des staatlichen Friedrich-Löffler-Instituts bestätigt.

EU liefert bislang keine nachvollziehbare Begründung

Bislang bleibt die EU-Kommission eine genau Erklärung für ihre Entscheidung schuldig. Ein möglicher Ablehnungsgrund – so vermutet die TVT – könnte sein, dass bei der ökologischen Erzeugung der Einsatz von externen Produktionsmitteln auf natürliche oder naturgemäß gewonnene Stoffe zu beschränken ist. Dem hält die TVT allerdings Folgendes entgegen: "Dass bei ökologischer Erzeugung eine chirurgische Kastration mit Schmerz- und/oder Betäubungsmitteln zulässig ist, entkräftet diese Argumentation, da auch Schmerzmittel wie Meloxicam oder Betäubungsmittel wie Isofluran keinesfalls natürlich oder naturgemäß gewonnen werden.

Als weiterer Ablehnungsgrund, so die TVT, stehe im Raum, dass bei der ökologischen Erzeugung immunologische Arzneimittel nur im Rahmen der Krankheitsvorsorge und einer tierärztlichen Behandlung zulässig sind. Dem sei laut TVT jedoch das Gebot der Leidensminimierung, welches auch bei der ökologischen Erzeugung rechtlich verankert ist, entgegenzusetzen. "Dieses gebietet, stets die tierschonendste Methode zu verwenden".

Was sagen Akteure des Ökolandbaus?

Neben Tierschützern und Tierärzten fordern auch Akteure der Bio-Branche die EU-Kommission auf, die Immunokastration für Öko-Erzeuger zuzulassen. Für Hubert Heigl, Naturland Präsident und Öko-Ferkelerzeuger "ist es völlig unverständlich, warum diese Alternative (gemeint ist die Immunokastration) nun ausgerechnet den Öko-Betrieben, die sich ja besonders ums Tierwohl kümmern, verwehrt werden soll". Naturland setzt als bislang einziger ökologischer Anbauverband auf die Immunokastration und erprobt dieses Verfahren bereits seit 2016 auf seinen Mitgliedsbetrieben.

Für das Aktionsbündnis Bioschweinehalter Deutschland e.V. (ABD) stellt die Immunokastration eine wichtige und gleichberechtigte Alternative zur chirurgischen Kastration mit Betäubung und zur reinen Ebermast dar und müsse deswegen allen Öko-Schweinehaltern zur Verfügung stehen. Welches Verfahren ein Betrieb letztlich anwende, hänge laut ABD von verschiedenen Faktoren ab, etwa der Verfügbarkeit von Tierärzten und/oder Narkosegeräten oder den Anforderungen der Abnehmer des Fleischs. Ebenso fordert der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dass alle gängigen Alternativen zur betäubungslosen Kastration von Ferkeln für Bio-Betriebe grundsätzlich zugänglich bleiben sollten, also auch die Immunokastration.

Wie es weiter geht

Die Bundesländer gehen bislang sehr unterschiedlich mit der Sache um. Bayern und Baden-Württemberg haben bereits angekündigt, den Vorschlag der LÖK mit sofortiger Wirkung umzusetzen . Für Ökoferkelerzeuger dort gilt somit, dass ab 1. September 2020 geborene männliche Ferkel chirurgisch entsprechend den jeweils gültigen Vorschriften kastriert werden müssen, soweit sie nicht für eine Ebermast vorgesehen sind. Auch in NRW wird es zu einem Verbot kommen. Bislang sind dort allerdings noch keine Betriebe bekannt, die die Immunokastration einsetzen. Niedersachsen hingegen hat angekündigt, sich dem Entscheid zu widersetzen.

Der Umgang mit der Immunokastration im Ökolandbau war auch Thema auf der Sonderkonferenz zur Tierhaltung im Rahmen der Agrarministerkonferenz Ende August in Berlin. Die Ministerinnen und Minister hielten im Protokoll  fest, dass sie "mit Unverständnis zur Kenntnis nehmen, dass die EU-Kommission die Immunokastration mit den Vorschriften des Öko-Landbaus für nicht vereinbar hält". Die Länder bitten daher gemeinsam Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner darum, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft die Vorschriften zum Einsatz der Immunokastration im Öko-Landbau auf EU-Ebene zu klären.

Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) positioniert sich sehr eindeutig zur Immunokastration im Ökolandbau. Eine Pressesprecherin des BMEL schreibt dazu: "Die Bundesministerin Julia Klöckner würde es sehr begrüßen, wenn die Immunokastration auch den ökologisch wirtschaftenden Tierhaltern offenstehen würde. Darauf hat sie kürzlich in einem Telefonat mit EU-Landwirtschaftskommissar Wojciechowski hingewiesen und dabei auf den hohen Anspruch an den Tierschutz in der ökologischen Tierhaltung verwiesen. Der Kommissar äußerte in dem Gespräch hierfür großes Verständnis und sagte zu, dass er die Thematik nochmals kommissionsintern prüfen wolle. Derweil plant die Ministerin, das Thema auch mit der EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Stella Kyriakides, zu besprechen."

Hintergrund: Zahlreiche Bio-Betriebe setzen seit Jahren bereits freiwillig auf eine tiergerechtere Ferkelkastration mit Betäubung und Schmerzmittel. Bei Bioland, Demeter, Biokreis und Gäa ist dies sogar in den Richtlinien so festgeschrieben. Rechtlich ist die betäubungslose Ferkelkastration allerdings auch im Ökolandbau noch zulässig und wird auch auf so manchem Bio-Betrieben praktiziert. Ab 1.1.2021 ist jedoch Schluss damit. Dann ist die Kastration männlicher Ferkeln in Deutschland nur noch mit Betäubung und Schmerzmittelgabe erlaubt. Bis dahin müssen alle Ferkelerzeuger eine geeignete Alternative für ihren Betrieb gefunden haben.


Letzte Aktualisierung 09.09.2020

FiBL Merkblatt

Deckblatt Broschüre

Merkblatt: Erfolgreiches Absetzen der Bioferkel

Zum FiBL-Shop

Nach oben