Aus der Forschung: 100 Prozent Biofütterung

100 Prozent Biofütterung – der aktuelle Stand der Forschung

Bis zum 1. Januar 2021 müssen tierhaltende Biobetriebe ein Konzept entwickelt haben, wie sie die Eiweißversorgung ihrer Bestände mit rein ökologischen Futtermitteln sicherstellen. Denn mit diesem Termin endet die derzeitige Übergangsregelung, nach der fünf Prozent der Rationskomponenten, bezogen auf die Trockenmasse, aus konventioneller Erzeugung stammen dürfen. Allerdings sind Ferkel bis 35 Kilogramm und Junggeflügel vorläufig noch von dieser Regelung ausgenommen.

Die angestrebte 100 Prozent Biofütterung ist vor allem für Betriebe mit Schweine- und Geflügelhaltung eine Herausforderung. Dabei ist das Problem weniger, ausreichende Mengen an Eiweiß zur Verfügung zu stellen, sondern Eiweiß in optimaler Qualität. Insbesondere die Aminosäure Methionin ist bei den üblichen ökologischen Futterkomponenten knapp. Deshalb nutzen viele tierhaltende Biobetriebe die aktuelle Regelung dazu, besonders methioninreiche konventionelle Komponenten wie Kartoffeleiweiß und vor allem Maiskleber zuzufüttern. In Bioqualität sind diese Komponenten jedoch nur begrenzt verfügbar. Dabei ist gerade bei Jungtieren eine ausreichende Versorgung mit allen essentiellen Aminosäuren elementar für die Gesunderhaltung und spätere Leistung der Tiere.

Individuelle Konzepte für jeden Betrieb

Um Biobetrieben praxisgerechte Alternativen für die 100 Prozent Biofütterung zu ermöglichen, wurden in den letzten Jahren zahlreiche Forschungsprojekte zur Fütterung von Monogastriern mit rein ökologischen Komponenten angestoßen. Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen zeichnet sich bereits ab, dass es in Zukunft keine Standardlösung für alle Betriebe geben wird. Vielmehr muss jeder Betrieb eigene Fütterungskonzepte entwickeln, die etwa Haltungssysteme, Flächenausstattung, Mechanisierung und anderen individuelle Vorgaben berücksichtigen.

Hier die wichtigsten Projekte im Überblick:

Erfolgreiche Ansätze mit Luzernesilage

Im Vergleich zu Körnerleguminosen weist Luzerne relativ hohe Methionin- und Lysingehalte auf, vor allem in frühen Entwicklungsstadien. An der Universität Weihenstephan wurden deshalb zwei Jahre lang Fütterungsversuche mit Weißklee-Luzerne-Silage bei Mastschweinen, Masthähnchen und Legehennen unter ökologischen Bedingungen durchgeführt. Alle drei Tiergruppen nahmen die Silage sehr gut an. Bei Mastschweinen stieg der Anteil der aufgenommenen Menge von 20 Prozent in der Anfangsmast kontinuierlich auf 50 Prozent in der Endmast. Die Mast- und Schlachtkörperleistungen der Schweine unterschieden sich dabei nicht von den mit Standardbiokraftfutter versorgten Tieren der Vergleichsgruppe. Durch Vorlage der Silage konnte im Schnitt 100 Kilogramm Kraftfutter eingespart werden.

Auch für die Geflügelhaltung geeignet

Auch bei Masthähnchen erhöhte sich der Anteil der aufgenommenen Silagemenge kontinuierlich von 10 Prozent in der Aufzucht auf 30 Prozent in der Endmast. Die mit Silage gefütterten Tiere erzielten im Vergleich zur Kontrollgruppe mit Alleinfuttermischung signifikant höhere Mastleistungen und bessere Schlachtkörperwerte. Auch Legehennen nahmen unter ökologischen Haltungsbedingungen bis zu 20 Prozent Silage auf und erreichten damit die gleiche Legeleistung wie die Kontrollgruppe mit Kraftfutter. Die Qualität der Ei-Inhaltsstoffe war zudem deutlich besser, da besonders hohe Gehalte der erwünschten Omega-3-Fettsäuren gemessen wurden.

Fazit der Studie: Die Fütterung von Luzerne-Silage hat großes Potential für eine optimale Eiweißversorgung. Zudem deckt sie den Anspruch nach einem höheren Raufutteranteil ab, der ebenfalls nach den neuen Richtlinien für Monogastrier erwünscht ist. Für stark spezialisierte Schweine- und Geflügehalterinnen und -halter, die nicht über entsprechende Maschinen verfügen, ist die Erzeugung der Silage zurzeit allerdings noch unwirtschaftlich.

Isolierung von Luzerne- und Kleeblattmasse vielversprechend

Ein anderer vielversprechender Weg könnte die Nutzung der reinen Blattmasse von Luzerne und Klee sein. Denn der relativ geringe Rohproteingehalt der Luzerne kann durch Isolierung der Blattmasse deutlich verbessert werden. So lag der Rohproteingehalt der Blattmasse von Luzerne und Weißklee bei Versuchen der Universität Kassel/Witzenhausen mit durchschnittlich 28,3 Prozent fast vier Prozentpunkte höher als bei den mit Stängel verarbeiteten Pflanzen.

Auch die Flächenerträge lagen in der Studie mit 7,9 bis 8,5 Dezitonnen Rohprotein pro Hektar deutlich über den Referenzwerten von Ackerbohne und Erbse. In Modellrechnungen konnte der Eiweißbedarf von Küken und Hähnchen in der späteren Mastphase ab der fünften Woche über Luzerneblattanteile von 50 beziehungsweise 42 Prozent sichergestellt werden. Als Nachteil der Blattisolierung erwiesen sich jedoch große Schwankungen bei den Eiweißgehalten der Blätter, je nach Anbau- und Erntebedingungen. Eine Prüfung des Erntegutes vor der endgültigen Nutzung ist deshalb unerlässlich, was die Anbau- und Futterplanung in der Praxis schwierig macht. Zudem sollten Betriebe das abgetrennte Stängelmaterial sinnvoll verwerten können, um das Verfahren möglichst wirtschaftlich zu gestalten.

Behandlung von Körnerleguminosen lohnt sich nicht

Futterwert und Verdaulichkeit verfügbarer Körnerleguminosen lassen sich vor allem durch thermische Verfahren verbessern. Die bisherigen Versuche dazu blieben aber bisher erfolglos. Eine Untersuchung der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen zeigte zwar, dass eine thermische Behandlung von Ackerbohnen, Erbsen und Süßlupinen den Anteil verdauungshemmender Substanzen tatsächlich senkt und den Gehalt an umsetzbarer Energie (ME) leicht erhöht. Aber bei der Fütterung von Bioferkeln mit den behandelten Komponenten ergaben sich keinerlei Vorteile. Eine Studie mit aufbereiteten Wintererbsen am Kompetenzzentrum Ökolandbau in Visselhövede brachte ähnliche Ergebnisse.

Zudem zeigte die Kammerstudie, dass der Anteil an Leguminosen in einer Ration unter 30 Prozent bleiben sollte. Höhere Anteile verschlechterten bei Ferkeln Futteraufnahme und Gesundheit, bei Mastschweinen ging der Magerfleischanteil signifikant zurück. Dennoch sind Leguminosen nach Ansicht der Fachleute eine wertvolle Futterkomponente, solange ihr Anteil 30 Prozent nicht übersteigt.

Biosoja als Hoffnungsträger

Große Hoffnungen werden in der ökologischen Tierhaltung auf Biosoja gesetzt, deren Anbau in Süd- und Osteuropa, aber auch in Bayern und Baden-Württemberg seit einigen Jahren deutlich ausgeweitet wird. Aufgrund seiner hohen Rohproteingehalte ist Soja bestens für die Fütterung von Masthähnchen, Legehennen und Mastschweine geeignet. Allerdings gibt es zwei Probleme: Biosoja ist sehr teuer, egal ob selbst angebaut oder zugekauft. Und die Methioningehalte sind selbst in Soja nicht ausreichend, um den hohen Bedarf von Geflügel und Ferkeln zu decken. Auch hier müssen deshalb methioninreiche Komponenten in der Ration ergänzt werden.

Konzentriertes Bakterieneiweiß

Eine solche konzentrierte Komponente könnte in Zukunft Bakterieneiweiß sein, das in großem Maßstab mit speziellen Kulturen hergestellt wird. Ein Forschungsprojekt dazu ist im Jahr 2015 angelaufen. Ziel ist es, konzentrierte Eiweißkomponenten als maßgeschneiderte Ergänzung zu den bisherigen Rationen anbieten zu können. Doch neben Herausforderungen bei der technischen Umsetzung ist auch der rechtliche Rahmen für einen möglichen Einsatz von Bakterieneiweiß im Ökolandbau noch nicht geklärt.


Letzte Aktualisierung 17.11.2020

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