Der Saatgutfonds

Der Saatgutfonds zur Förderung der Ökozüchtung

Neu entwickeltes Saatgut, das bei konventionellen Landwirtinnen und Landwirten als züchterischer Fortschritt gilt, passt oft nur eingeschränkt zu den Anforderungen des Ökolandbaus. Deshalb ist eine Pflanzenzüchtung für den ökologischen Landbau wichtig. Die Zukunftsstiftung Landwirtschaft betreut und verwaltet den Saatgutfonds, über den Projekte zur Züchtungsforschung für den Ökolandbau gefördert werden. Ein Interview über die Möglichkeiten und Ziele der ökologischen Pflanzenzüchtung führte Isabella Mahler von der dvs (Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume) mit dem Geschäftsführer der Zukunftsstiftung Landwirtschaft Oliver Willing für das LandinForm Magazin für ländliche Räume.

Isabella Mahler: Herr Willing, seit 1996 unterstützt der Saatgutfonds Initiativen zur Züchtung von Obst, Gemüse und Getreide. Warum?

Oliver Willing: Für den Ökolandbau passen die heutigen Hochertragssorten nur bedingt. So will man im ökologischen Landbau nicht mit Beizmitteln oder chemischen Zusätzen arbeiten und daher hat man beim Getreide oft Probleme mit Pilzkrankheiten, beispielsweise dem sogenannten Getreidebrand. Deshalb haben die Züchtungsforscher, die wir unterstützen, in den vergangenen 20 Jahren sehr viel Arbeit darauf verwendet, widerstandsfähige oder sogar gegen den Getreidebrand resistente Sorten zu entwickeln. Die konventionelle Züchtung legt überhaupt keinen Wert darauf, weil in der konventionellen Landwirtschaft Beizmittel verwendet werden.

Ein weiterer Grund: Mit einer entsprechenden Züchtung lässt sich erreichen, dass der Acker durch die Getreideblätter relativ früh im Jahr stark beschattet ist, um das Unkraut zu bremsen oder zu unterdrücken. Das spielt für die konventionelle Landwirtschaft keine Rolle, da sie Spritzmittel einsetzt. Weil der Ökolandbau ganzheitlich ist, schaut man nicht nur auf den Körnerertrag. Für einen Biobetrieb mit Tierhaltung kann es auch sehr wichtig sein, genügend Stroh für die Einstreu zu haben. Die modernen Weizensorten, die im konventionellen Landbau verbreitet sind, wachsen höchstens bis zum Knie, damit bei hoher  Stickstoffdüngung die Standfestigkeit gegeben ist; dadurch gibt es aber wenig Stroh. Wenn ein Ökolandwirt diese Sorten nutzen will, muss er eventuell zusätzlich Stroh vom konventionellen Nachbarn kaufen.

Isabella Mahler: Die konventionelle Saatgutzüchtung setzt mitunter auf Hybridsorten und Gentechnik. Möchten Sie zu dieser Entwicklung eine Alternative bieten?

Oliver Willing: Wenn wir unsere Ernährungssouveränität erhalten wollen, müssen wir die Kontrolle über unseren Nachbau behalten. Die Hybridsorten haben zwar meistens einen höheren Ertrag als die samenfesten Sorten, aber den deutlichen Nachteil, dass das Saatgut vom Landwirt nicht selbst vermehrt werden kann. Die Samen müssen von einem Unternehmen jedes Jahr frisch nachgekauft werden. Drei Großkonzerne beherrschen 50 Prozent des kommerziellen Saatgutmarktes, es gibt bereits eine hohe Abhängigkeit. Wenn diese Konzerne sich dazu entschließen sollten, nur noch mit Gentechnik zu arbeiten, hat der Ökolandbau ohne eigene Züchtungsbasis überhaupt keine Ausweichmöglichkeiten mehr. Der Ökolandbau braucht auch deshalb ein eigenes Sortenspektrum, damit er selbst bestimmen kann, mit welchen Methoden gearbeitet werden soll.

Isabella Mahler: Unter welchen Bedingungen fördern Sie solche Initiativen?

Oliver Willing: Eine wichtige Bedingung ist, dass die Saatgutentwicklung im gemeinnützigen Kontext stattfinden muss; das heißt, dass die Sorten dann später der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden sollen – wir setzen uns vehement gegen eine Patentierung von Sorten ein. Derzeit fördern wir acht gemeinnützige Dachorganisationen, die an über 30 Standorten Saatgut entwickeln. Viele Projekte sind in einen bestehenden Betrieb eingegliedert. Das hat den Vorteil, dass die Züchter ganz nah am Markt sind und die Regeln und Anforderungen kennen. Es gibt auch Projekte, in denen Züchter mit wissenschaftlichen Institutionen zusammenarbeiten.

Isabella Mahler: Welche Erfolge hatten die geförderten Züchter?

Oliver Willing: Erfolge kann man an unterschiedlichen Dingen messen. Seit der Gründung des Saatgutfonds wurden über 80 Getreide- und Gemüsesorten durch das Bundessortenamt anerkannt, die aus der von uns geförderten Züchtungsforschung hervorgegangen sind. Sie stehen für die Praxis zur Verfügung und werden inzwischen in Deutschland auf tausenden Hektar angebaut. Auch in der Schweiz werden über 50 Prozent der ökologischen Getreideanbaufläche mit Sorten eines Züchters bestückt, den wir unterstützen.

Die hervorragende Arbeit der Öko-Züchter zeigt sich auch darin, dass in den vergangenen zehn Jahren fast jedes Jahr eines der von uns geförderten Züchtungsprojekte den "Bundespreis Ökologischer Landbau" der Bundesrepublik Deutschland gewonnen hat. Ein weiteres Erfolgsbeispiel ist die Gemüseentwicklung. Die konventionelle Gemüsezüchtung hatte den Geschmack bis vor zehn, 15 Jahren aus den Augen verloren: Sie züchtete auf Ertrag und Gleichförmigkeit, damit das Gemüse gut in die Kisten und Container passt und dem Kunden gefällt. Die Biozüchter selektierten bereits vor dem Jahr 2000 nach Geschmack. Ihr großer Verdienst ist es, dass sie Geschmack wieder zum Thema gemacht haben – inzwischen wirbt auch die konventionelle Züchtung damit.

Isabella Mahler: Die Saatgutentwicklung für die konventionelle Landwirtschaft unterstützen Sie nicht. Ist der Bedarf an Sortenvielfalt und einem eigenen Nachbau in diesem Bereich nicht sogar größer als im Biolandbau?

Oliver Willing: Das kann man so nicht sagen. Natürlich – auch sie bräuchten Nachbau, aber die konventionelle Züchtung und Züchtungsforschung ist finanziell sehr gut versorgt. Das Programm zur Weizenhybridforschung wird in Deutschland mit mehreren Millionen Euro gefördert. Was da mit staatlichen Mitteln entwickelt wird, ist die Vorstufenforschung, die Firmen später nutzen können, um in großem Maßstab Weizenhybride für den Markt zu entwickeln. Da fließt viel staatliches Geld hinein, aber Hybridweizen ist für den Ökolandbau nicht interessant. Die Bundesregierung hat das Ziel, den Ökolandbau auf 20 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche auszudehnen – dann müsste sie auch 20 Prozent der Forschungsgelder, die derzeit noch in Gentechnik und Hybridentwicklung fließen, der ökologischen Züchtungsforschung zur Verfügung stellen. Das macht sie bisher leider nicht.

Isabella Mahler: Die Entwicklung von Saatgut ist langwierig und teuer. Wie wird der Saatgutfonds finanziert?

Oliver Willing: Der Saatgutfonds ist ein Spendensammelfonds, das heißt, hinter ihm steht eine große Anzahl von Privatspendern, andere Stiftungen und sehr viele Unternehmen der Biobranche. Wenn wir in ein Projekt einsteigen, möchten wir es auch möglichst lange unterstützen: Die Entwicklung einer Sorte im Ökolandbau kostet 600.000 bis 700.000 Euro und dauert mindestens zehn Jahre. Dieses Jahr stellen wir für alle Projekte ein Gesamtvolumen von 1,15 Millionen Euro zur Verfügung. Damit sind wir der größte private Förderer von ökologischer Saatgutforschung und -entwicklung in Deutschland; wir können aber den Förderbedarf von jährlich mindestens 2,5 Millionen Euro nicht einmal zur Hälfte decken. Es gibt zum Glück noch andere Stiftungen, die auch wichtige Beiträge leisten. Aber es fehlen jedes Jahr mehrere hunderttausend Euro und das ein oder andere Projekt kann dann eben nicht durchgeführt werden.


Quelle:

LandInForm – Magazin für Ländliche Räume, Ausgabe 2.16
Herausgeber: Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS)
Internet: www.land-inform.de

Letzte Aktualisierung 15.06.2016

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