Typhlodromus pyri

Typhlodromus pyri

Schaderreger: Spinnmilben, Gemeine Spinnmilbe, Obstbaumspinnmilbe, Rebenpockenmilbe, Kräuselmilbe

Bedeutung

Typhlodromus pyri ist die wichtigste Raubmilbenart im Wein-, Obst- und Hopfenbau. Hier spielt sie vor allem bei der Regulierung von Spinnmilben eine große Rolle. Durch Schonung und Förderung und auch durch Ausbringungs- oder Umsiedlungsverfahren entstehen hohe Populationsdichten dieses Nützlings.

Biologie in Kürze

Die Raubmilben haben einen birnenförmigen, glänzend glatten, gelblichweiß bis bräunlich oder rötlich gefärbten Körper und sind sehr flink.

Typhlodromus pyri ist nicht auf Reben oder Obstbäume als Lebensraum spezialisiert. Man findet die Art z.B. auch auf Blättern von Brombeeren, weniger regelmäßig auf Rotem Hartriegel, Hasel und anderen Heckenpflanzen, die wichtige ökologische Ausgleichsflächen und Reservoire für diese wirtschaftlich bedeutende Raubmilbenart darstellen.

An Reben findet man die höchsten Populationsdichten Anfang Juni und Anfang August. Der überwiegende Teil der Population lebt auf den Blättern der Fruchtruten, seltener auf Geiztrieben, Gescheinen und Trauben. Im Frühjahr halten sie sich bevorzugt im Inneren der Rebstöcke auf, im Sommer zunehmend auch auf äußeren Blättern. Die Gesamtzahl von Raubmilben pro Rebstock schwankt im Jahresverlauf. Es können sich einige hundert bis mehrere tausend Raubmilben auf einem Rebstock aufhalten.

Ab Ende August beginnt die Abwanderung in die Winterverstecke. Die befruchteten Weibchen überwintern in Ritzen des mehrjährigen Holzes, insbesondere in der Borke des Rebstammes. Obwohl sie dabei Frost von mehr als minus 30 Grad überleben können, kann die Wintersterblichkeit bei 60 bis 90 Prozent liegen. Im Hopfenbau werden im Herbst die gesamten Pflanzen und damit alle Überwinterungsmöglichkeiten aus der Anlage entfernt. Wie den Raubmilben hier alternative Überwinterungsmöglichkeiten geboten werden können, wird derzeit erforscht, z.B. durch geeignete Bodenbegrünung.

Bei Temperaturen um 10 Grad werden die Weibchen wieder aktiv. Zur Zeit des Austriebes verlassen die Raubmilben ihre Winterquartiere und wandern zur Eiablage auf die jungen Triebe.

Die Weibchen legen zwischen 20 und 50 Eier in den Blattachseln, entlang der Blattadern und um das Enneum von Pockenmilben ab. Die Eier sind ca. 0,1 mm groß, milchig-weiß und oval. Die Zahl der von einem Weibchen pro Tag abgelegten Eier ist unter Anderem von der Nahrung abhängig.

Im Gegensatz zu einigen anderen Phytoseiiden-Arten reicht bei Typhlodromus pyri eine einmalige Kopulation nicht für die maximal mögliche Eiablage aus. Die Kopulationsdauer beträgt sieben bis acht Stunden. Die aus den Eiern schlüpfenden Larven (6-beinig) entwickeln sich über zwei Nymphenstadien zu achtbeinigen Adulten.

Die Larven sind relativ inaktiv und nehmen keine Nahrung zu sich, die Nymphenstadien dagegen sind sehr gefräßig. Die Entwicklungsdauer ist temperaturabhängig: bei 21 Grad beträgt sie ca. 13 Tage. Nahrungsmangel verlängert die Entwicklungszeit. Unter mitteleuropäischen Klimabedingungen werden in der Regel sechs bis neun Generationen ausgebildet.

Anwendungsempfehlung

Auf raubmilbenfreien Flächen kann mit einer Zuwanderung von Typhlodromus pyri aus Nachbarflächen gerechnet werden. Allerdings ist die Verbreitung der Typhlodromus-Raubmilben durch eigene Wanderungen in Rebanlagen häufig unzureichend. Sind großflächig keine Raubmilben vorhanden, sollten daher Maßnahmen zur Umsiedlung bzw. 'Einbürgerung' getroffen werden.

Für den Einsatz von Typhlodromus pyri gegen Spinnmilben im Obst-, Wein- und Hopfenbau stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung. Bewährt hat sich - vor allem im Weinbau - die Umsiedlung bzw. Einbürgerung aus Weingärten mit gutem Raubmilbenbesatz, sowohl innerhalb von Parzellen bzw. Obstanlagen als auch zwischen Parzellen, Betrieben und Regionen.

Umsiedlungsverfahren

Die Raubmilben lassen sich auf sehr einfache Art von einer Rebanlage in die andere, oder von Rebanlagen in Hopfengärten übersiedeln, um die Gemeine Spinnmilbe, die Obstbaumspinnmilbe, die Pockenmilbe und die Kräuselmilbe zu regulieren. Hierzu können mit Raubmilben besetzte Rebteile aus Weinbergen mit hohen Raubmilbenpopulationen geschnitten und in raubmilbenfreien Anlagen eingesetzt werden. Auch für den Hopfenbau werden Raubmilben an geschnittenen einjährigen Bogruten oder Frostruten aus Weinbergen bezogen.

  • Umsiedlung mit Pflanzenmaterial
    Im Winter kann die Umsiedlung über zweijähriges Schnittholz und nach dem Rebaustrieb über Stocktriebe (Wasserschosse), die üblicherweise vom Rebstamm entfernt werden, erfolgen. Das Schnittholz wird dann einfach an die Rebstöcke der neu zu besiedelnden Anlage gebunden. Im Sommer können Reblaub (Blattbüschel) und Geiztriebe, die bei routinemäßigen Laubarbeiten anfallen, verwendet werden.
  • Umsiedlung mit dem Winterquartier
    Im Spätsommer oder Frühherbst ist es möglich, Filzstreifen (Filzmanschetten, Fanglappen) an der Basis des zweijährigen Holzes ('Spender-Rebstöcke') anzubringen und diese dann im Winter oder Frühjahr nach Einwanderung der Raubmilben auf 'Empfänger-Rebstöcke' umzusetzen. Die Raubmilben sammeln sich in den Filzstreifen, da diese besonders gute Winterverstecke darstellen. Als Material für die Fanglappen eignen sich grob gewobene Wollstoffe (alte Wolldecken, Uniformstoffe) und Filz (5 x 15 cm). Vor der Ansiedlung sollte der Empfänger-Rebberg geschnitten sein.

Für eine ausreichende Regulierung von Spinnmilben im Weinbau wird eine Raubmilbe pro Blatt im Frühjahr bzw. ein bis zwei Raubmilben pro Blatt bei voller Belaubung als ausreichend betrachtet. In Apfelanlagen wurde beobachtet, dass die Ausbreitung eingebürgerter Raubmilben vom Ausbringungsort aus über sieben bis acht Nachbarbäume innerhalb eines Jahres erfolgt. Auch Windverdriftung kann zur weiteren Verbreitung beitragen.

Ausbringung im Hopfenbau

Gegen Gemeine Spinnmilbe im Hopfenbau sind aufgrund fehlender Überwinterungsquartiere meist kaum Raubmilben natürlich vorhanden. Versuche haben aber gezeigt, dass über den Einsatz gezüchteter Raubmilben eine befriedigende Spinnmilbenkontrolle erreicht werden kann.

Im ökologischen Hopfenbau werden Spinnmilben über Umsiedlungsverfahren aus Weinbergen mittels Abfall von Rebenschnitt im Winter (Bogruten) und Frühjahr (Frostruten) in die Hopfengärten gebracht. Die im Januar oder Februar geschnittenen Bogruten werden im Weinberg eingesammelt und bei 2 bis 5 °C in Kühlkammern zwischengelagert, ehe gegen Ende April bis Anfang Mai diese Abschnitte mit etwa 20 cm Länge mindestens an jeder vierten Aufleitung zwischen Rebe und Draht eingeklemmt werden. Frostruten, die Mitte Mai geschnitten als Abfall im Weinberg anfallen, sollten noch am selben Tag direkt in den Hopfengarten überführt werden.

Der rechtzeitige Einsatz (gegen Ende Mai) gebietsfremder, gezüchteter Raubmilbenarten, die den Winter in Mitteleuropa nicht überstehen, stellt in der Regel eine effektive Bekämpfungsmaßnahme dar. Nach bisherigen Erfahrungen ist der Einsatz einer Mischung der beiden Raubmilben Phytoseiulus persimilis und Neoseiulus californicus, die auf Bohnenblättern in den Bestand gehängt werden (mindestens 50.000 Raubmilben pro ha) am effektivsten.

Ausbringung käuflicher Milben

Typhlodromus pyri ist auch im Handel auf Kärtchen oder Filzstreifen erhältlich, die gleichmäßig im Bestand verteilt werden. Die Anwendung ist besonders geeignet in Neupflanzungen, nach Milbenspritzungen (Öl-Austriebsspritzungen gegen Spinnmilben schädigen auch Raubmilben), in überdachten Obstanagen mit hohem Spinnmilbenrisiko, oder in Hopfengärten in denen kene Überwinterungsquartiere für Raubmilben zur Verfügung stehen.

Letzte Aktualisierung 03.09.2019

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