Bio-Markt legt während Corona-Pandemie zu

Bio-Markt legt während der Corona-Pandemie zu

Die Corona-Pandemie beschert dem deutschen Einzelhandel außergewöhnliche Umsätze. In Zeiten von Home-Office und geschlossenen Restaurants wird zuhause mehr gekocht. Insbesondere die Einkaufsmenge von Bio-Lebensmitteln ist deutlich gestiegen. Dadurch haben sich die Bio-Anteile am gesamten Lebensmittelmarkt bei vielen Produkten weiter erhöht.

Das zeigt eine AMI-Auswertung der Umsätze und Einkaufsmengen aus dem GfK-Haushaltspanel für März 2020 gegenüber dem Vorjahresmonat. Begonnen hatte der Anstieg mit einer "Hamsterwelle"  schon Mitte/Ende Februar. Seit Mitte März herrscht wieder einigermaßen Vertrauen in die Versorgung durch den Handel und die Einkaufsmengen haben sich normalisiert. Auch im April und Mai 2020 sind nach wie vor viele Menschen häufiger als sonst zu Hause und kochen dementsprechend auch mehr. Der Außer-Haus-Verzehr ist stark eingeschränkt, so dass die Lebensmittelversorgung fast ausschließlich über den Lebensmitteleinzelhandel stattfindet. Hier greifen die Kundinnen und Kunden verstärkt zu Bio-Produkten.

Da der Außer-Haus-Verzehr von Bio-Produkten nur einen Anteil von gut 10 Prozent am Bio-Lebensmittelmarkt innehat, verglichen mit 27 Prozent am gesamten Lebensmittelmarkt, drücken die dadurch entfallenden Rohstoffmengen auch weniger auf den Markt. Vielmehr werden die größeren Einzelhandelsverkäufe durch die dort freiwerdenden Mengen erst möglich. Mit wenigen Ausnahmen sind auch nicht die Rohstoffe knapp geworden, sondern vielmehr das Verpackungsmaterial. Die Verarbeitungsunternehmen legen sich in der Regel keine großen Vorräte an Verpackungsmaterial an, egal ob Papier, Plastik oder Glas. Vielmehr rufen sie die passenden Mengen bei den Herstellern ab. Viele Hersteller von Verpackungsmaterial produzieren nicht in Deutschland, so dass – ähnlich wie bei einigen Lebensmitteln – die Versorgung mit diesen Materialien von internationalen Handelsströmen abhängig ist.

Auch an anderen Stellen entstanden Lücken in den Wertschöpfungsketten. Ein Beispiel: Ein Herstellungsbetrieb von Sauerteigen und Backfermenten beliefert normalerweise Unternehmen der Außer-Haus-Verpflegung, aber auch einige Bäckereien. Durch den Wegfall der Großverbraucher lohnt sich die Produktion nur für die Bäckereien nicht. Den Bäckereien fehlen nun diese essenziellen Zutaten, sie müssen andere Lieferanten finden. Oder der Hersteller sucht sich weitere Abnehmer, damit die Produktion wieder laufen kann. Viele Lieferketten müssen sich also neu sortieren. Die Krise zeigt die Abhängigkeit von internationalen Warenströmen, auch am Bio-Markt. Das betrifft nicht nur Lebensmittel, sondern auch Futtermittel, Verpackungsmaterial und sonstige Rohstoffe. Kurze Wege für sensible Güter scheinen wichtiger als gedacht. Aber überhaupt erhöhen kurze Wege die Transparenz.

Im ersten Quartal profitieren alle Einkaufsstätten

Die Betrachtung der Umsätze des gesamten ersten Quartals zeigt, dass durchweg alle Einkaufsstätten deutlich mehr Umsatz mit Bio-Lebensmitteln generiert haben als im ersten Quartal 2019. Die Haushalte gaben insgesamt 27 Prozent mehr Geld für Bio-Frischeprodukte aus. Da hier rund 40 Prozent Trockensortiment nicht berücksichtigt sind, ist davon auszugehen, dass die Zuwächse insgesamt noch größer ausgefallen sein dürften. Im Naturkosthandel beispielsweise sind die Verkäufe über das gesamte Sortiment um 33 Prozent gestiegen. Der Umsatz mit Frischeprodukten nahm bei den Vollsortimentern und Discountern leicht überdurchschnittlich zu, während der Umsatz im Naturkosthandel mit einem Plus von 18,5 Prozent unterdurchschnittlich ausfiel. Die Zuwächse der restlichen Einkaufsstätten lagen genau im Durchschnitt.

Die Zuwachsraten der Einkaufsmengen lagen nur leicht unter denen der Ausgaben. Während die Discounter und Vollsortimenter leichte Preissteigerungen verzeichneten beziehungsweise höherwertige Sortimente anboten, gingen die Verbraucherpreise bei den sonstigen Einkaufsstätten leicht zurück.

Größter Umsatzwachstum bei Trockenprodukten

Mehl erzielte die größten Zuwächse unter den von der AMI betrachteten Produkten sowohl am gesamten Markt, als auch am Bio-Markt. Häufig waren auch noch Ende April die Regale leer. Zuerst kamen die Verarbeitungsunternehmen nicht mit dem Abpacken hinterher und im weiteren Verlauf wurden teilweise die Rohstoffe knapp. Andere Trockenprodukte wie Nudeln, Reis oder auch Linsen, Zucker und Müsli fallen nicht unter die von der AMI monatlich beobachteten Produkte. Diese Produkte dürften jedoch ähnlich große Zuwächse geschrieben haben.

Umsatz bei Frischeprodukten wächst deutlich

Aber nicht nur haltbare Produkte profitierten von den höheren Haushaltskäufen, sondern auch die Frischeprodukte. Die Verkaufszahlen von typischen Bio-Produkte wie Obst, Gemüse, Kartoffeln, aber auch Milch, Joghurt und Butter nahmen jeweils deutlich stärker zu als ihr konventionelles Pendant. Auch der Verkauf von Brot, das in den vergangenen zwei Jahren im eher wenig nachgefragt war, nahm mit dem größeren Haushaltsverbrauch wieder an Fahrt auf und die Kundinnen und Kunden gaben 29 Prozent mehr Geld für Bio-Brot aus als im März 2019.

Anders ist es bei Produkten, bei denen der Preisunterschied zwischen Bio und konventionell besonders hoch ist: Bei Fleisch und Geflügel gaben die Haushalte für die konventionellen Produkte jeweils mehr Geld aus, wobei auch die Zuwachsraten bei bio beachtlich sind.

Im April ging es mit großen Schritten weiter

Auch im April 2020 haben die Menschen deutlich überdurchschnittlich viele Bio-Lebensmittel gekauft, und das in allen Einkaufsstätten. Im Naturkosthandel beispielsweise wurden 10 bis 15 Prozent mehr Umsätze mit Bio-Lebensmitteln erwirtschaftet als im April 2019. Anders als im März wurden im April vor allem mehr frische Produkte gekauft, und das in allen Einkaufsstätten. Hinzu kamen Preissteigerungen. Auch wenn sie nicht so stark ausfielen wie am konventionellen Markt, wo die Verbraucherpreise um 10 Prozent stiegen, sind auch die Preise für Bio-Lebensmittel im April um rund 6 Prozentgestiegen.

Das betrifft insbesondere Obst und Gemüse. Bei Obst- und Gemüsebetrieben, ob in Deutschland oder Südeuropa, fehlen immer noch Arbeitskräfte. Damit wird sowohl die Ernte als auch die Pflanzung oder Aussaat behindert. Das könnte auch für die Gemüseversorgung und -preise langfristige Folgen haben.

Auch in Frankreich ändern sich Geschäftsmodelle und Lieferbeziehungen

In Frankreich haben Ecozept und BioLineaires eine Umfrage zu den Auswirkungen der Krise bei mehr 150 Bio-Läden und -Ketten durchgeführt, die insgesamt mehr als 900 Geschäfte präsentieren. Demnach haben 83 Prozent der Befragten neue Lieferanten gesucht - meistens andere Verarbeitungsunternehmen oder lokale Lieferanten. Insbesondere die nationalen Ketten haben mit neuen Lieferanten zusammengearbeitet. Zudem wurden neue Vermarktungswege gestartet: 15 Prozent der Geschäfte bieten nun neu einen Lieferservice an. 13 Prozent nutzen "Click and collect", also ein vorher online zusammengestellter Warenkorb wird im Geschäft abgeholt. 10 und 8 Prozent der Geschäfte nutzen "Drive In" und "Walk In". Die Kundinnen und Kunden gehen also nicht in das Geschäft, sondern werden im Auto oder an Tür oder Fenster bedient.

Das alles bewerkstelligten die Läden mit durchschnittlich 17 Prozent weniger Personal. Zwei Drittel der Läden berichten von neuer Kundschaft im Laden und knapp die Hälfte beobachtet ein verändertes Einkaufsverhalten der bisherigen Kundschaft.

Bei den Produktkategorien unterscheidet sich das Einkaufsverhalten im Nachbarland nur wenig: Obst, Gemüse, Frischeprodukte, Snacks, Getränke und Tiefkühlprodukte sind deutlich mehr gekauft worden. Rückläufig waren die Verkaufszahlen bei Feinkostprodukten, Kosmetik und lose Ware. Die in Frankreich weit mehr verbreiteten Unverpackt-Linien in den Läden wurden größtenteils geschlossen. Zum Teil haben die Ladnerinnen und Ladner dann vorverpackte Waren angeboten, oder das Personal packt die Ware ab. Anders als in Deutschland sind in Frankreich die Käufe von losem Gemüse mit der Krise deutlich gesunken. Verpackungsfreie Ware trifft dort auf Befürchtungen von mangelnder Hygiene, ob begründet oder nicht spielt bei emotionalen Kaufentscheidungen keine Rolle.

Im Juni will die biowelt die Ergebnisse einer ähnlichen Umfrage für Deutschland veröffentlichen, man darf gespannt sein, wie sich das Kaufverhalten in Deutschland verändert hat.

Kreativität ist gefragt

Die Beispiele aus Frankreich und Deutschland zeigen, dass Kreativität in diesen Zeiten gefragt ist. Lieferdienste brummen auch in Deutschland. Und hier sind der Kreativität der Händlerinnen und Händler oder auch der Gastronomie keine Grenzen gesetzt. Mit Masken einkaufen macht wenig Spaß, und Hygienemaßnahmen dürften uns noch eine Weile begleiten. Alternative Absatz- und Vermarktungswege dürften also auch weiterhin zunehmen.

Lokale, regionale, inländische Herkunft dürfte eine größere Rolle spielen und Landwirtschaft oder Verarbeitung und Läden näher zusammenbringen. Übersichtlichere, kürzere Lieferketten erweisen sich schon jetzt als vorteilhaft. Direkte Verbindungen der Läden mit Herstellungsunternehmen oder Landwirtschaftsbetrieben dürften sowohl am Bio- als auch am konventionellen Markt eine größere Rolle spielen.


Letzte Aktualisierung 08.05.2020

BÖLW – Branchenreport 2020

Grafik: Weltkugel

Zahlen und Fakten zur Bio-Branche in Deutschland.

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