100 Prozent Bio-Fütterung

100 Prozent Bio-Fütterung – gibt es genug Rohstoffe?

Mit Einführung der neuen EU-Öko-Verordnung ab 2022 müssen anders als bisher alle ausgewachsenen Bio-Schweine sowie ausgewachsenes Bio-Geflügel mit 100 Prozent Bio-Futter gefüttert werden. Insbesondere der Bedarf an Bio-Eiweißfuttermitteln wird dadurch erheblich zunehmen. Schon 2019 überstieg die Nachfrage in Deutschland bei Weitem das inländische Angebot.

Mit Einführung der neuen EU-Öko-Verordnung ab 2022 wird eine hundertprozentige Bio-Fütterung für ausgewachsene Bio-Schweine sowie ausgewachsenes Bio-Geflügel verpflichtend. Zurzeit können dem Schweine- und Geflügelfutter noch bis zu fünf Prozent konventionelle Eiweißkomponenten zugesetzt werden. Dies ist zukünftig nur noch für Jungtiere (Geflügel bis 18 Wochen und Schweine bis 35 Kilogramm) zugelassen. Für Wiederkäuer ist eine hundertprozentige Bio-Fütterung schon seit 2012 vorgeschrieben.

Das im Rahmen der Fünf-Prozent-Regel am häufigsten zugesetzte konventionelle Futtermittel ist Kartoffeleiweiß. Es enthält hohe Anteile der essenziellen Aminosäuren Lysin, Methionin und Cystein. Dies ist wichtig, denn anders als in konventionellem Mischfutter dürfen in Bio-Futter keine synthetisch hergestellten Aminosäuren zugesetzt werden. Daher müssen die Komponenten im Mischfutter möglichst viel der limitierenden Aminosäure enthalten. Gegebenenfalls werden die Tiere insgesamt mit mehr Eiweiß gefüttert, um die erforderliche Menge der limitierenden Aminosäure aufzunehmen. Das bedeutet, dass sie insgesamt mehr Futter benötigen.

Limitierende Aminosäure

In einem Protein bezeichnet man eine essenzielle Aminosäure als eine limitierende Aminosäure, wenn diese im Verhältnis zu den anderen essenziellen Aminosäuren nur in geringer Menge vorhanden ist. Durch dieses Ungleichgewicht verringert sich die Qualität des Eiweißes (biologische Wertigkeit). Eine einzige limitierende Aminosäure kann ein ansonsten günstiges Aminosäureprofil ungünstig verändern.

Bio-Kartoffeleiweiß dürfte knapp werden

Kartoffeleiweiß ist ein Nebenprodukt bei der Stärkeherstellung. Es ist ein Pulver mit 78 Prozent Proteingehalt. Zur Herstellung von einem Kilogramm Kartoffeleiweiß werden mehr als 50 Kilogramm Stärkekartoffeln benötigt. Die Nachfrage nach Bio-Kartoffelstärke ist aber vergleichsweise gering, so dass auch wenig Bio-Kartoffeleiweiß anfällt. Größere Bio-Kartoffelstärkeproduktionen gibt es in Österreich und Finnland, aber die dort anfallenden Mengen Bio-Kartoffeleiweiß reichen bei Weitem nicht aus für eine europaweite Versorgung.

Neben Kartoffeleiweiß wird bislang auch konventioneller Maiskleber verwendet. Dieser ist ebenfalls ein Nebenprodukt der Stärkeherstellung und enthält 60 Prozent Protein. Aber auch Bio-Maisstärke wird nur in geringen Mengen hergestellt, wodurch nur wenig Bio-Maiskleber für die Futterherstellung anfällt.

Soja dominiert auch bei Bio-Betrieben

Alternativen aus anderen pflanzlichen ökologisch erzeugten Rohstoffen werden deshalb dringend benötigt. Sojabohnen und vor allem Sojakuchen sind das gängigste Eiweißfuttermittel auch auf deutschen Bio-Betrieben. Diese werden aber zum großen Teil importiert.

Bio-Betriebe werden die konventionellen Eiweißkomponenten zukünftig vor allem durch Ölkuchen von Soja, Raps, Sonnenblumen und anderen Ölpflanzen in Bio-Qualität ersetzen. Da der Selbstversorgungsgrad für diese Kulturen in Deutschland gering ist, müssen zukünftig verstärkt Bio-Futtermittel aus dem europäischen Ausland eingeführt werden. Stärker als bisher müssen die Futtermittelhersteller und tierhaltenden Betriebe auf die Aminosäurenzusammensetzung in der Ration achten. Daher dürften die Vielfalt und die Menge an eingesetzten Ölkuchen noch weiter zunehmen.

Bio-Eiweißlücke in Deutschland deutlich größer als Energielücke

Forscherinnen und Forscher haben im EU-Projekt ICOPP 2011 den Bedarf an Eiweißfuttermitteln für den Bio-Tierbestand in verschiedenen Ländern Europas mit einheitlicher Methodik ermittelt. Damals benötigten die Bio-Tiere in Deutschland 445.000 Tonnen Bio-Futtermittel. Das Futterangebot in Deutschland lag damals bei 351.000 Tonnen, dies entsprach einem Selbstversorgungsgrad von 68 Prozent.

Neue Berechnungen der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI) mit derselben Methodik und den Bio-Tierbeständen für 2019 ergaben einen Futtermittelbedarf von 807.000 Tonnen Trockenmasse. Die Bio-Ackerflächen in Deutschland und damit das Futterangebot sind zwar gewachsen, allerdings nicht in dem notwendigen Umfang. Das Futterangebot hat sich auf 602.000 Tonnen (in Trockenmasse auf 524.000 Tonnen) erhöht, der Selbstversorgungsgrad ist jedoch auf 65 Prozent gesunken. Damit ist die Lücke zwischen Eigenproduktion und Verbrauch innerhalb der acht Jahre auf rund 283.000 Tonnen Trockenmasse gestiegen.

Futterbedarf der in Deutschland 2019 gehaltenen Bio-Tiere

Bedarf an Futtermitteln, Rohprotein und Energie der in Deutschland gehaltenen Bio-Tiere 2019
 EinheitAnzahl *Trockenmasse
Futter pro
Kopf in kg **
Trockenmasse
Futter in t
Rohprotein
in t
Verwertbare
Energie
in MJ
Schweine      
ZuchtsauenWürfe42.000671,0028.1824.620349.853.400
MastschweineSchlachtungen356.400280,0099.79218.5321.482.624.000
JungsauenAnzahl Tiere9.500254,352.41637833.606.993
FerkelAnzahl Tiere378.00027,3810.3501.988148.462.032
Schweine
gesamt
   140.74025.5182.014.546.424
Geflügel      
MasthähnchenSchlachtungen7.790.0004,8737.9378.334537.514.127
LegehennenAnzahl Tiere5.950.00041,86249.06741.1922.839.340.000
JunghennenAnzahl Tiere4.750.0006,8632.5855.549381.250.197
Hähnchen
gesamt
   319.58955.0753.758.104.324
Rinder      
MilchküheAnzahl Tiere251.0001177,00295.42737.3614.558.662.000
MutterküheAnzahl GVE174.000294,0051.1566.475789.970.579
Rinder
gesamt
   346.58343.8375.348.632.579
Summe   806.912124.43011.121.283.326
 * AMI Strukturdaten** ICOPP    

Quelle: AMI nach AMI Strukturdaten und ICOPP

Die Forscherinnen und Forscher im ICOPP Projekt haben auch den Selbstversorgungsgrad beim Rohprotein bestimmt. Er lag 2011 in Deutschland bei 63 Prozent. 43.600 Tonnen Rohprotein wurden im Land erzeugt, während 68.400 Tonnen für die zu diesem Zeitpunkt gehaltenen Bio-Tiere benötigt wurden. Für 2019 hat sich beim Rohprotein der Selbstversorgungsgrad verringert, da die Tierzahlen und damit der Rohproteinbedarf stärker gestiegen sind als die Anbauflächen mit Eiweißfrüchten und Getreide. 2019 hatten die in Deutschland gehaltenen Tiere einen Rohproteinbedarf von 124.000 Tonnen, die Produktion lag aber nur bei 73.000 Tonnen, also bei nur 59 Prozent Selbstversorgungsgrad. Betrachtet man den Energiegehalt des Futters (MJ Energie), so lag die Selbstversorgung 2019 bei 87 Prozent, 2011 waren es noch 91 Prozent.

Futterangebot in Deutschland 2019 
 Erntemenge in tTrockenmasse in tRohprotein in tVerwertbare Energie in MJ
Futtergerste104.00090.4808.9441.637.688
Futterhafer25.00021.7502.207409.117
Futterroggen83.20072.3856.9521.292.778
Triticale123.000107.01011.0701.920.830
Futterweizen162.000140.94016.2452.548.195
Ackerbohnen46.00040.02011.846766.383
Lupinen18.00015.6605.617327.764
Futtererbsen25.00021.7504.950406.508
Sojabohnen15.60014.0405.714324.464
Gesamt601.800524.03573.5469.633.727

Quelle: AMI nach AMI Strukturdaten und ICOPP

Anhand dieser Zahlen wird deutlich, dass in Deutschland die Proteinlücke größer ist als die Energielücke, also der Unterschied zwischen erzeugtem Futtergetreide und Bedarf der hier gehaltenen Bio-Tiere. Die Nachfrage nach Bio-Eiweißfuttermitteln übersteigt bei Weitem das inländische Angebot. Für 2020 allerdings dürfte die Energielücke wieder kleiner geworden sein, da die Getreideernte deutlich größer ausfiel und die Tierzahlen nicht mehr so stark gewachsen sind.

2022 wird mit Einführung der hundertprozentigen Bio-Fütterung die Nachfrage nach Bio-Eiweißfuttermitteln nochmals steigen. Auch wenn es vor allem auf die essenziellen Aminosäuren ankommt, dürfte die Menge an Futterimporten in der ganzen EU steigen. Vor allem die Vielfalt im Futter dürfte wachsen, um an den Standort angepasst und gleichzeitig kostengünstig zu produzieren. Methioninreiche Pflanzen wie Nackthafer oder Rispenhirse haben sich als vorteilhaft erwiesen. Der Anbau von Erbsen, Ackerbohnen und Lupinen stagnierte in den vergangenen Jahren, vor allem wegen ackerbaulicher Schwierigkeiten. Aber mit größerer Nachfrage dürfte der Anbau proteinreicher Kulturen zunehmen.


Letzte Aktualisierung 18.11.2020

BÖLW – Branchenreport 2020

Grafik: Weltkugel

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