Bio und regional ist beste Wahl – aber geht das immer?

Bio und regional ist beste Wahl – aber geht das immer?

Bio-Produkte aus der Region sind zunehmend gefragt und einige Handelsketten verfolgen eigene Strategien, wie sie mehr regionale Produkte vermarkten können. Wichtig ist es, die Regionalrichtlinien transparent zu machen, denn Regionalität kann sehr unterschiedlich definiert werden. Bestehende Regionalinitiativen zeigen Wege auf, wie der Handel erfolgreich die eigene Region und deren Produkte vermarkten kann.

Die regionale Herkunft von Lebensmitteln hat für immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher eine große Bedeutung. Je nach Studie geben rund 50 bis 75 Prozent der Bevölkerung an, Wert auf regionale Lebensmittel zu legen. Allerdings ist der Begriff "regional" nicht eindeutig definiert. Die einen denken dabei an einen bestimmten Umkreis um den Ort, in dem sie leben, andere an das Bundesland oder einen bestimmten Landstrich. Einmal wird Region großzügig mit Deutschland übersetzt, ein anderes Mal ganz eng mit dem eigenen Wohnort verknüpft.

Die Regelungen zur Herkunftskennzeichnung und Regionalauslobung sind daher auch sehr unterschiedlich. Die Regionalangaben reichen von administrativen Grenzen (Landkreis) bis zu Naturlandschaftsräumen (beispielsweise Eifel) oder dem Kilometerradius um einen Standort. Die Kriterien für den regionalen Rohstoffbezug reichen von 10 bis 100 Prozent und die Überprüfung der Kriterieneinhaltung geht von der Selbstkontrolle bis zu einem fünfstufigen Kontrollsystem.

Vorteile: mehr Geschmack, lokale Wirtschaft unterstützen, kleinerer CO² Fußabdruck

Die Vorteile der Regionalvermarktung liegen auf der Hand: Viele Verbraucherinnen und Verbraucher verbinden damit kurze Transportwege, Frische und Saisonalität. Zudem bietet Regionalität einen Gegenpol zur industriellen und globalisierten Produktion, der sich unter anderem in dem Bestreben äußert, die heimische Wirtschaft zu unterstützen.

Geschmack, Qualität und positive Auswirkungen für die Gesundheit stehen ganz oben auf der Liste der erhofften Auswirkungen. Wohnortnah geerntete oder hergestellte Produkte kommen frisch in den Handel und damit auf den Esstisch. Geerntet wird zum optimalen Reifezeitpunkt. Das macht sich nicht nur im Geschmack bemerkbar. Möhren, Äpfel und Co. haben auch mehr Zeit, Vitamine und Mineralstoffe aufzubauen. Und auf den kurzen Transportwegen besteht keine Gefahr, dass sie ihre wertvollen Inhaltsstoffe verlieren. Auch beim Fleisch kann regionale Herkunft ein Pluspunkt sein: Wenn der Transportweg vom Bauernhof zum Schlachthof kurz ist, sind Schweine und Rinder weniger Stress ausgesetzt und produzieren weniger Stresshormone. Ihr Fleisch ist zarter und hat mehr Aroma.

Anstelle von weiten Transportwegen mit Schiff, Flugzeug oder LKW und ähnlichen Transportmitteln über Tausende von Kilometern hinter sich zu haben, sind regionale Erzeugnisse nur kurz gereist. Somit kann durch den Einkauf regionaler Produkte der CO2-Ausstoß positiv beeinflusst werden.

Herausforderungen der Regionalvermarktung

Neben sehr vielen Vorteilen der regionalen Produktion und Wertschöpfung in der Region sollten einige Nachteile nicht außer Acht gelassen werden. Auch wenn die Lieferwege kürzer sind, werden oft kleine Menge transportiert, was den Transport letzten Endes teurer macht. Außerdem ist es zum Beispiel klimatisch günstig, Äpfel am Bodensee oder im Alten Land anzubauen, genauso wie Frühkartoffeln in der Pfalz: Dort sind Lager- und Verpackungsstätten vor Ort vorhanden, außerdem sehr viel Wissen über den Anbau und Lagerung. In großen Strukturen und mit günstigen klimatischen Bedingungen können Äpfel oder Kartoffeln dort günstiger produziert werden. Bei kleinteiliger regionaler Produktion und Verteilung bleiben diese Skaleneffekte ungenutzt. Bei einigen Gemüse- und Früchtesorten kann das regionale Produkt sogar zu einem höheren CO2-Verbrauch führen als das importierte, wenn Gewächshäuser intensiv geheizt werden müssen oder Lagerhäuser über Monate hinweg betrieben werden.

Verarbeitung, Vertrieb und Logistik sind oft das Nadelöhr in der Regionalvermarktung. Häufig ist es für den Handel eine Herausforderung, in der Region leistungsstarke Lieferantinnen und Lieferanten zu finden. Wichtig ist immer die Kommunikation entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Folgende Faktoren erschweren laut dem Leitfaden Erfolgreiches Regionalmarketing im Naturkostfachhandel die Einführung oder Fortführung eines Regionalprofils bei den Läden:

  • der häufig höhere Preis der Ware, der den Kundinnen und Kunden nur schwer zu vermitteln ist,
  • die begrenzte Verfügbarkeit mancher Lebensmittel aus der heimischen Region,
  • Lieferschwierigkeiten bei der geforderten Menge und Qualität,
  • der erhöhte Arbeitsaufwand der Mitarbeitenden durch die Einzelanlieferungen und Einzelabrechnungen der Lieferanten sowie zusätzliche Kennzeichnungen und
  • die geringe regionale Vernetzung, so dass nicht alle potenziellen Produkte bekannt sind.

Wertschöpfungskette entwickeln

Zum Beispiel bei Feingemüse bieten Großhändlerinnen und Großhändler oft nur ein lückenhaftes regionales Sortiment an. Nicht ohne Grund: Regionalität in diesem Segment erfordert einen erhöhten Kommunikationsaufwand und die Bereitschaft, sich auf die vorhandenen Erzeugerstrukturen einzulassen. Die Anforderungen des Handels an Lieferfähigkeit der Erzeugerbetriebe und an Kontinuität und Homogenität der Belieferung wachsen. Zudem erwarten die Abnehmer einen kontinuierlichen Handelspartner auch bei wechselnden Erzeugerbetrieben. Gleichzeitig sind ökologische Gemüseerzeugerbetriebe in vielen Regionen weiterhin klein strukturiert, häufig mit einem Schwerpunkt in der Direktvermarktung. Soll nicht nur im Hofladen und auf dem Wochenmarkt mehr regionales Öko-Gemüse im Einkaufskorb landen, so müssen sich Erzeugerbetriebe ebenso wie Händlerinnen und Händler für den Aufbau einer regionalen Wertschöpfungskette engagieren. Zu regionalen Wertschöpfungsketten finden Sie hier ein Dossier.

Lässt sich nachfragegerecht produzieren?

Vieles lässt sich im Voraus zwar planen, aber die Produktion im Gartenbau und in der Landwirtschaft ist stark witterungsabhängig. Zwar gibt es vor allem im Gemüseanbau sowie bei empfindlichen Obstkulturen wie Kirschen immer mehr geschützte Kulturen, unterm Strich ist der Anteil an Unterglasware – abgesehen von Tomaten – aber gering.

Es reicht also nicht, wenn der Handel die benötigte Vermarktungsmenge an Erzeugerinnen oder Erzeuger weitergibt. Stattdessen ist eine stetige Kommunikation mit den Produzentinnen und Produzenten notwendig. Schwankungen in der Verfügbarkeit saisonaler Lebensmittel durch Erntehöhepunkte oder -ausfälle sind üblich. Je früher die Informationen weitergegeben werden, desto eher lassen sich Alternativen finden, wenn Mengenabsprachen oder Liefertermine nicht eingehalten werden können, oder auch Aktionen geplante werden sollten, wenn Übermengen ins Haus stehen.

Eine nachfrageorientierte Produktion beinhaltet Menge sowie Qualität in Form von Sortenauswahl, Sortierung oder Aufbereitung. Auch B-Ware, also Produkte mit optischen Mängeln, werden durchaus akzeptiert. Erfahrungen im Handel mit nicht konformen Obst und Gemüse, Stichwort "Krumme Gurken", belegen das.

Kommunikation ist alles – und zwar auf allen Ebenen

Neben der Kommunikation zwischen Erzeugungsbetrieb, Verarbeitungsbetrieb und Handel – also entlang der gesamten Wertschöpfungskette – ist die Kommunikation zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern essenziell für eine erfolgreiche Vermarktung regionaler Produkte. Häufig bleiben die Produkte im Laden unentdeckt. Um auf sie aufmerksam zu machen, ist eine umfassende Kommunikation notwendig.

Zur geographischen Nähe kommt bei der Regionalvermarktung eine persönliche Nähe zu den Produzentinnen und Produzenten. Der Kontakt der Verbraucherinnen und Verbraucher zum regionalen Erzeugerbetrieb wird beispielsweise durch Erzeugerportraits oder Verkostungsaktionen ermöglicht.

Bio oder regional? Am besten beides!

Ein gutes Drittel der haushaltsführenden Personen in Deutschland legt beim Einkauf von Lebensmitteln Wert darauf, dass sie ökologisch erzeugt wurden. Mit Bio-Lebensmitteln verbinden Verbraucherinnen und Verbrauchern insbesondere die folgenden Aspekte: Weniger Zusatz- und Verarbeitungsstoffe, frei von Gentechnik, artgerechte Tierhaltung und Umweltschutz. Sie verbinden mit ökologisch erzeugten Produkten aber auch höhere Preise. Vor allem dieser Aspekt wird als Grund angeführt, nicht mehr davon zu kaufen. An zweiter Stelle folgt jedoch bereits, dass diese Erzeugnisse nicht aus der Region stammen, so die Verbraucher- und Marktstudie "Wie regional is(s)t Sachsen?" mit Daten für ganz Deutschland. Im direkten Vergleich zwischen regionalen und ökologisch erzeugten Lebensmitteln werden Produkte aus der Region von zwei Drittel der Befragten bevorzugt. Lediglich 22 Prozent würden Bio-Lebensmittel bevorzugen, weitere zwölf Prozent sind unentschlossen. Die Herkunft des Produktes ist damit für die Konsumentinnen und Konsumenten wichtiger als die Produktionsweise.

Allerdings verstärken sich die beiden Eigenschaften gegenseitig. Für sechs von zehn Personen sind ökologisch erzeugte Lebensmittel noch attraktiver, wenn sie aus der Region stammen. Genauso hoch ist der Anteil derer, für die Lebensmittel aus der Region an Attraktivität gewinnen, wenn sie ökologisch erzeugt wurden.

Für welche Händlerinnen und Händler eignet sich nun eine Bio-Regio-Positionierung?

Laut dem oben genannten Leitfaden sollten Geschäfte

  • abwägen, ob die Region, in der sie ansässig sind, bereits über ein gutes Lebensmittelimage verfügt, auf das sie zurückgreifen können;
  • überlegen, ob die regionalen Lebensmittel, die sie anbieten wollen, über ein gutes Image verfügen und den Kundinnen und Kunden als regionales Produkt bekannt sind;
  • abschätzen, ob sich die Kundschaft mit der Region verbunden fühlt und deshalb Interesse an regionalen Lebensmitteln zeigt;
  • sich fragen, ob sie in ihrer Region ein leistungsfähiges Netzwerk von Biobauernhöfen und kleineren Verarbeitungsbetrieben haben.

Wenn eine Händlerin oder ein Händler alle vier Punkte mit ja beantworten kann, eignet sich ihr oder sein Geschäft für eine Profilierung als "Regio-Spezialist". Dies sollte das gesamte Geschäft umfassen, da Einzelmaßnahmen häufig unbemerkt bleiben.

Unternehmensstrategie festlegen

Mit Regionalprodukten können Händlerinnen und Händler auf Dauer nur dann punkten, wenn die Geschäftsführung dies in ihrer strategischen Ausrichtung berücksichtigt und den Mitarbeitenden einen entsprechenden Handlungsspielraum zugesteht.

Bio-Händlerinnen und -händler, die sich über ein Regionalimage profilieren möchten, sollten sich folgende Fragen stellen beziehungsweise Empfehlungen berücksichtigen:

  • "Bin ich bereit, mein Unternehmensziel nach den Anforderungen eines Regionalimages auszurichten?"
  • "Bin ich kreativ in der Kommunikation?"
  • "Ist meine Region für regionale Lebensmittel bekannt?"
  • "Haben die regionalen Lebensmittel ein gutes Image, das heißt, stehen sie für Geschmack, Traditionen, Vielfalt etc.?"
  • "Sind meine Kundinnen und Kunden mit der Region verbunden und an regionalen Lebensmitteln interessiert?"

Eine erfolgreiche Positionierung erfordert Konsequenz und Konzentration. Es genügt nicht, einige Schilder über die Lieferanten im Geschäft aufzuhängen. Wenn ein Laden sich mit Regionalität profilieren will, dann sollte er es umfassend machen. Die Kundinnen und Kunden sollten auf die Frage, warum sie Bio-Lebensmittel dort einkaufen, antworten: "Nur hier erhalte ich die echten Bio-Produkte der Landwirtinnen und Landwirte aus meiner Region."

Vorhandene Kennzeichnungen – Zeichendschungel

Um Regionalprodukte zu erkennen, haben verschiedene Regionalinitiativen Kennzeichnungen und unterschiedliche Logos entwickelt.

In verschiedenen Bundesländern gibt es bundeslandweite Bio-Siegel. Das sind Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern. Während Bayern ein eigenes Label entwickelt hat, haben die anderen Bundesländern das sechseckige deutsche Biosiegel um die Bundeslandkennzeichnung erweitert.

Eine weitere Möglichkeit ist die Nutzung des Regionalfensters, das 2014 eingeführt wurde. 870 Lizenznehmer haben bis Oktober 2020 insgesamt 5.000 Produkt angemeldet. 12 Prozent davon sind Bio-Produkte. Die Definition der Region übernimmt der Lizenznehmer.

Außerdem haben verschiedene Regionen, oder auch Naturschutzgebiete wie die "Schorfheide-Chorin" oder die "Eifel" Regionallogos herausgegeben. Auch die Öko-Modellregionen in Bayern, Baden-Württemberg (hier Öko-Musterregionen), Hessen oder Niedersachsen nutzen jeweils eigene Logos für die Vermarktung der Produkte aus der Region. Einige Handelsketten wie die Edeka oder Rewe haben eigene Regionallogos herausgegeben, zum Beispiel "Unsere Heimat – echt & gut" von der Edeka Südwest oder "Rewe regional".

Wichtig ist hier, sich nicht im Siegel-Dschungel zu verlieren, sondern mit seinem Laden glaubwürdig zu bleiben. Welche Produkte lassen sich glaubwürdig und mit vertretbarem Aufwand regional beschaffen und vermarkten?



Letzte Aktualisierung 11.02.2021

BÖLW – Branchenreport 2021

Zahlen und Fakten zur Bio-Branche in Deutschland.

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