Bio-Zertifizierung

Bio-Zertifizierung von Handelsunternehmen

Schon seit 2005 sind Unternehmen, die mit ökologischen Lebensmitteln handeln, verpflichtet, am gemeinschaftsrechtlichen Kontrollverfahren nach den EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau teilzunehmen. Trotzdem kommt es auch heute noch vor, dass sich Händlerinnen und Händler von Öko-Produkten dieser gesetzlichen Vorgabe zur Bio-Zertifizierung nicht bewusst sind.

Hintergrund der Einbeziehung des Handels in die Bio-Kontrolle waren im Jahr 2005 Betrugsfälle mit Öko-Produkten, die als lose Ware gehandelt wurden. Damals wurden vereinzelt konventionelle Schüttgüter zu Öko-Ware umdeklariert. Die EU-Kommission reagierte auf diese "wundersame Bio-Vermehrung" mit einer Verschärfung der EU-Rechtsvorschriften für die ökologische Produktion und bezog von da an alle Händlerinnen und Händler von Öko-Produkten in das Öko-Kontrollverfahren ein. Dies gilt unabhängig davon, ob die Händlerinnen und Händler mit loser Ware oder mit abgepackten Öko-Produkten handeln. Es ist auch nicht von Bedeutung, ob das Handelsunternehmen physisch mit Öko-Produkten umgeht oder nur bei Streckengeschäften Rechnungen stellt, ohne die Ware selbst zu Gesicht zu bekommen.

Die Einbeziehung in die Bio-Kontrolle soll sicherstellen, dass alle Stufen der Wertschöpfungskette einer unabhängigen Prüfung unterliegen.

In das Kontrollverfahren einbezogene Unternehmen

Jedes Unternehmen, das im Anwendungsbereich der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau handelt, soll sich bei einer zugelassenen Öko-Kontrollstelle zur Bio-Zertifizierung anmelden. Es müssen also zum Beispiel Streckengeschäftler, Großhandelsunternehmen, an gewerbliche Kunden vermarktende C+C-Märkte oder Internet-Handelshäuser am Kontrollverfahren teilnehmen. Unternehmen, die nur ihre Dienstleistung in Rechnung stellen (zum Beispiel Speditionen), werden dagegen in der Regel durch die Kontrollpflicht nicht erfasst.

Sonderfall Einzelhandel

Deutschland hat, wie viele weitere EU-Mitgliedsstaaten, von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, Einzelhandelsunternehmen, die unmittelbar an Endverbraucherinnen und Endverbraucher vermarkten, von der Kontrollpflicht auszunehmen (Verordnung (EG) Nr. 834/2007, Artikel 28 Absatz 2 der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau). Diese Ausnahme gilt jedoch nur dann, wenn die Einzelhändlerinnen und Einzelhändler nicht selbst aufbereiten und "sie nicht an einem anderen Ort als einem Ort in Verbindung mit der Verkaufsstelle" lagern.

Welche Schritte werden bei der Kontrolle und Zertifizierung von Handelsunternehmen durchlaufen?

Zunächst muss eine der zugelassenen Öko-Kontrollstellen ausgewählt werden. Hier finden Sie eine Übersicht der in Deutschland zugelassenen Kontrollstellen. Es ist empfehlenswert, sich durch einen Blick auf die Internetseite und ein telefonisches Vorgespräch einen ersten Eindruck von der ausgewählten Kontrollstelle zu verschaffen.  Der Zertifizierungsprozess beginnt mit der Anfertigung einer Betriebsbeschreibung (Durchführungsverordnung Nr. 889/2008, Artikel 63 Absatz 1 der EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau). Auf Formblättern der Öko-Kontrollstelle werden Grunddaten, wie Firmierung und Anschrift, Unternehmensstandorte, Ansprechpartner, gehandelte Öko-Produkte, Informationen zur Buchführung und zu anderen Qualitätsmanagementsystemen erfasst. Die Betriebsbeschreibung wird durch ein Organigramm, Lagepläne sowie durch eines oder mehrere Warenflussdiagramme ergänzt.

Die Plausibilität der Betriebsbeschreibung und der dort niedergelegten Maßnahmen zur Sicherstellung der Öko-Qualität wird im Rahmen des ersten Kontrollbesuches geprüft. Sind die Anforderungen der EU-Rechtsvorschriften erfüllt, stellt die Öko-Kontrollstelle ein Zertifikat ("Bescheinigung") aus.

Risikoeinstufung und Kontrollschwerpunkte

Die Frage, ob lose Öko-Ware oder vorverpackte Bio-Lebensmittel gehandelt werden, spielt bei der Risikoeinstufung des Unternehmens durch die Öko-Kontrollstelle eine wichtige Rolle. Sie bestimmt Art und Häufigkeit der Inspektionsbesuche. Bei Unternehmen, die an mehreren Standorten tätig sind, muss die Öko-Kontrollstelle zudem festlegen, mit welcher Frequenz die Einzelstandorte aufgesucht werden.

Bei den Kontrollbesuchen werden zunächst die Zertifikate ("Bescheinigungen") der Lieferantinnen und Lieferanten des Handelsunternehmens eingesehen. Diese können durch das Unternehmen auch internetgestützt verwaltet werden. Vorteilhaft bei diesem System ist, dass die zeit- und kostenaufwändige Verwaltung von Zertifikatskopien in Papierform entfällt - bei Änderungen des Zertifizierungsstatus seiner Lieferantinnen und Lieferanten informiert bioC das Handelsunternehmen automatisch per E-Mail.

Bei der Prüfung werden auch die Läger besichtigt. Öko-Erzeugnisse müssen so gelagert werden, dass sie stets als solche erkennbar und vor Kontamination geschützt sind. Während diese Forderungen bei vorverpackten Bio-Lebensmitteln einfach zu erfüllen sind, werden an Unternehmen, die lose Schüttgüter vermarkten, erhöhte Anforderungen gestellt. So muss ein Streckenhandelsunternehmen von Biogetreide zum Beispiel sicherstellen, dass die von ihm beauftragten Speditionen eine Kontamination der Bio-Ware mit Vorratsschutzmitteln, wie Pirimiphos-methyl, ausschließen. Ferner gilt, dass Öko-Erzeugnisse so transportiert werden müssen, dass ein Austausch verhindert wird.

Einen Schwerpunkt des Audits bildet die Prüfung der Dokumentation der hausinternen Qualitätssicherung. Die Ergebnisse der unternehmensinternen Analytik werden eingesehen. Wenn Beanstandungen vorliegen, die die Ökoqualität der Ware betreffen, werden die durch das Unternehmen getroffenen Maßnahmen geprüft.

Warenflussberechnung

Schließlich wird die Dokumentation des Wareneingangs und des Warenausgangs geprüft und ein Abgleich durchgeführt ("Warenflussberechnung"). Auch stichprobenartige Abgleiche der ermittelten Mengen mit den durch die Ökokontrollstellen der Lieferantinnen und Lieferanten ermittelten Daten werden vorgenommen ("cross check").

Am Ende des Kontrollbesuches stehen die Anfertigung des Kontrollberichtes und die Erläuterung von Abweichungen, sofern solche festgestellt wurden. In der Ökokontrollstelle wird eine Zertifizierungsentscheidung getroffen und bei Erfüllung der Anforderungen ein neues Ökozertifikat ausgestellt.



Autor

Autor Dr. Jochen Neuendorff

Letzte Aktualisierung 05.02.2021

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