Weniger Gemüse wegwerfen

Weniger Gemüse wegwerfen

Deutschland rettet Lebensmittel: Unter diesem Motto läuft bis zum 6. Oktober eine bundesweite Aktionswoche. Denn von allen Lebensmitteln landen Obst und Gemüse am häufigsten im Müll. Dabei lassen sich vom Acker bis zum Teller überall Gemüseabfälle vermeiden.

Erzeugerinnen und Erzeuger: Verarbeiten und veredeln

Gemüseabfälle zu vermeiden, gelingt breit aufgestellten Betrieben leichter. Zum Beispiel der Dorfgemeinschaft Tennental. Hier leben und arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung in Gemeinschaft zusammen: in der Demeter Landwirtschaft, der hofeigenen Bäckerei, Einmachküche, Kantine und in ihrem Dorfladen. "Wir bedienen die ganze Wertschöpfungskette und haben eine vielfältige Vermarktung. Dadurch entsteht bei uns wenig Ausschuss", erläutert Alexander Thierfelder von Tennental. Drei Beispiele: Fallen im Sommer zu viele Tomaten auf einmal an, werden sie in der Einmachküche als Passata haltbar gemacht. Kommen Mangold und Lauch als Reste vom Wochenmarkt zurück, verarbeitet sie die Großküche zum Mittagessen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Kleine und andere nicht vermarktungsfähige Kartoffeln landen im Schweinetrog, genau wie die Molke der Käserei. Einige der Nutztiere sind immer schon ideale Resteverwerter.

Verarbeitende Unternehmen: Bio-Rohstoffe sind kostbar

Zwillingsmöhren, Rote Bete mit Schalenflecken und weiteres optisch nicht mehr verkaufsfähiges Gemüse lassen sich zu Brei oder Saft verarbeiten. Damit senken verarbeitende Unternehmen den Ausschuss von Bio-Gemüsebetrieben. Da Bio-Rohstoffe ein teures und knappes Gut sind, haben die Unternehmen der Bio-Branche schon ein Eigeninteresse, Abfälle möglichst zu vermeiden. Unvermeidbare Abfälle lassen sich laut der Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller e.V. (ÄÖL) durch effiziente Kreislauflösungen verringern. Sie werden beispielsweise in Biogasanlagen zu Methan vergoren und energetisch genutzt. Die Gärreste landen dann wieder als Dünger auf dem Acker. Mit Kampagnen wie "Oft länger gut" klären die Bio-Unternehmen Verbraucherinnen und Verbraucher auf.

Im Bio-Handel führen viele Wege zur Abfallvermeidung

Im Handel entstehen mit vier Prozent (0,5 Millionen Tonnen) vergleichsweise wenig Lebensmittelabfälle. Die Bio-Fachhandel engagiert sich schon lange gegen die Lebensmittelverschwendung. „Das fängt bereits bei einer knapperen Kalkulation der Frischeware an, so dass möglichst wenig übrigbleibt“, erläutert Pressesprecher Hans F. Kaufmann vom Bundesverband Naturkost Naturwaren. Unverkaufte Lebensmittel werden preisreduziert angeboten, an Mitarbeitende verschenkt, im eigenen Bistro weiterverarbeitet oder an soziale Einrichtungen oder Organisationen weitergegeben. Aber auch die Toleranz gegenüber einer Vielfalt an Formen, Farben, Größen und Schalenfehlern bei Obst und Gemüse sei in Naturkostläden hoch. "Krummes Gemüse gehört in der Bio-Branche dazu, auch aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher", so Kaufmann Außerdem gebe es auch Einzelhandelsunternehmen, die gezielt Bio-Lebensmittel retten.

Schon beim Einkauf Abfall vermeiden

Im Durchschnitt wirft jeder von uns jährlich etwa 25 Kilogramm Obst und Gemüse weg. Hauptursachen sind Fehlkäufe und falsche Lagerung. Die Aktion "Zu Gut für die Tonne" liefert zahlreiche Tipps für zu Hause zum besseren Einkaufsmanagement, zur richtigen Lagerung und Resteverwertung.

Doch auch den Ausschuss im Handel können die Kundinnen und Kunden reduzieren. Denn oft genug bleiben bei der Gemüse-Selbstbedienung im Supermarkt oder Naturkosthandel unförmige Möhren, kleine Kartoffeln und Gurken mit Schalenschwächen liegen. Mit einem Griff landen auch diese im Einkaufskorb!

Drei Fragen an Alexander Thierfelder

"Kauft kleine Kartoffeln", ruft Alexander Thierfelder Verbraucherinnen und Verbraucher auf. Im Interview erklärt der Gärtnermeister und Heilerziehungspfleger von der Dorfgemeinschaft Tennental, was sich noch alles verbessern sollte.

Oekolandbau.de: Was können Verbraucherinnen und Verbraucher sofort tun, um ihre Gemüseabfälle zu reduzieren?

Alexander Thierfelder: Verbraucherinnen und Verbraucher können im ersten Schritt ihr eigenes Einkaufsverhalten kritisch betrachten und überdenken. Sie sollten in der Selbstbedienungs-Gemüseabteilung auch zur krummen Möhre oder kleinen Kartoffel greifen. Geschmacklich stehen sie den normkonformen Erzeugnissen in nichts nach und lassen sich leicht und schnell zu schmackhaften Gerichten verarbeiten. Zum Beispiel eignen sich kleine Kartoffeln perfekt für Ofen- oder Pellkartoffeln.

Zusätzlich sollten wir unser Handeln so gestalten, dass wir dabei eine Botschaft und einen damit verbundenen Druck an Wirtschaft und Politik übermitteln. Das geschieht beispielsweise durch den Einkauf von regionalen Bio-Lebensmitteln im Fachhandel, dem Zusammenschluss in Initiativen wie Foodsharing oder Ernährungsräten.

Oekolandbau.de: Wie ließen sich Lebensmittelabfälle langfristig vermeiden?

Thierfelder: Ganz wichtig ist die Umwelt- und Ernährungsbildung. Die Vermittlung von Wissen und Hintergründen der Lebensmittelproduktion in der Landwirtschaft und das direkte Erleben finden kaum mehr statt. Dadurch haben sich Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene in den letzten Jahrzehnten von der Natur und dem Umgang mit Lebensmitteln entfremdet. Die Bildungspolitik ist gefragt, Themen wie Landwirtschaft und Ernährung verstärkt in die Kitas und Schulen zu integrieren sowie direkte Erlebnisse auf den Höfen zu ermöglichen.

Wer die landwirtschaftliche Lebensmittelerzeugung besser verstehen will, kann Mitglied bei einer Solidarischen Landwirtschaft oder Erzeuger-Verbraucher-Genossenschaft werden. Wir als Dorfgemeinschaft Tennental engagieren uns bei "Xäls – Ökologische Genossenschaft Neckar-Alb". Die bringt Erzeugende und Verbraucherinnen und Verbraucher wieder näher zusammen.

Oekolandbau.de: Wie könnte die Politik helfen?

Thierfelder: Sie sollte die Handelsnormen überdenken. Die berücksichtigen nicht die natürlichen Bedingungen. Obst und Gemüse wächst nicht nach rechtlichen Vorgaben. Auch im Bio-Großhandel finden sich mittlerweile ähnliche Vorgaben wie im konventionellen Handel. Denn auch die Bio-Kundschaft möchte zunehmend „schöne“ Produkte, worauf der Handel reagiert.

Letztlich ist der Weg hin zu mehr Öko-Landbau entscheidend. Die Erzeugung in einem Bio-Anbauverband erfordert das Wirtschaften in Kreisläufen und reduzierte Tierzahlen. Dadurch würden höherwertige und nährstoffreichere Erzeugnisse produziert.

Nicht umsonst weist der Weltagrarbericht jedes Jahr darauf hin, dass eine kleinbäuerliche, vielseitige Landwirtschaft die Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung garantiert. Es geht also nicht um Masse, sondern um Qualität der Produkte und Prozesse über die gesamte Wertschöpfungskette.


Letzte Aktualisierung 29.09.2021

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