Weingut Brühler Hof

Weingut Brühler Hof: Weinlese für Neugierige

Anfang Oktober ist Weinlese. Ich möchte wissen, wie es geht, und mache mich auf den Weg nach Volxheim, ein 1.100-Seelen-Ort am Rande Rheinhessens, sechs Kilometer südlich von Bad Kreuznach. Das Weingut Brühler Hof bietet Neugierigen an, die Ernte einen Tag lang hautnah mitzuerleben. Um die 20 Mitstreiter und einige Kinder finden sich an einem Samstagmorgen pünktlich - mit Gummistiefeln und Outdoorjacken ausgerüstet - unter den zwei großen Kastanien vor dem Weingut ein. Wir haben Glück, die Sonne lugt schon ein bisschen durch die Wolkendecke. Gemeinsam gehen wir zum Weinberg, erfahren, dass wir heute Grauburgunder ernten, und wundern uns, dass die Trauben braunrot sind. Winzer Hans-Peter Müller zerquetscht eine Beere, aus der farbloser Saft herausfließt und erklärt: "Grauburgunder ist eine Weißweinsorte mit wenig Farbpigmenten in den Schalen. Beim Keltern von Weißwein werden die Schalen nicht mitvergoren, deshalb bleibt auch der Grauburgunder hell. Rotweinsorten vergären wir hingegen sieben bis zehn Tage mit den farbintensiveren Schalen. Der sich bildende Alkohol löst dabei die Farbstoffe aus den Beerenhäuten und färbt so den Wein rot." Gut, erste Lektion schon gelernt.

Nun werden wir alle mit einer scharfen Schere und großen Sammeleimern ausgestattet. Noch grüne, unreife Trauben sollen wir einfach hängen lassen, die anderen ernten und angeschimmelte auf den Boden werfen. Doch Achtung, Schimmel ist nicht gleich Schimmel: Es gibt auch den hellgrauen Edelschimmel, der weder die Gesundheit gefährdet noch der zukünftigen Weinqualität schadet, also gerne in den Ernteeimer darf. Wenn wir Zweifel haben, sollen wir einfach fragen. Sowohl der Winzer selbst als auch Auszubildende vom Betrieb helfen uns jederzeit weiter. Naschen dürfen wir natürlich auch! Das geht auch gar nicht anders bei diesen verlockenden Trauben voller praller Beeren.

Schimmel ist nicht gleich Schimmel

Unser Erntetrupp verteilt sich auf zwei Reihen und legt los. Zunächst muss ich mich an die scharfe Traubenschere gewöhnen - doch bald geht's besser und schneller. Der Eimer ist schon halb voll, als mir der erste Schimmel begegnet. Ich zeige die Traube dem Winzer, der ein paar schimmelige Beeren in den Mund nimmt und beurteilt "die sind gut!" Aha, es handelt sich also um Edelschimmel. Ich traue mich auch, ihn zu probieren. Und siehe da: Es schmeckt tatsächlich. Genauso wie eine Traube, deren Beeren etwas saft- und kraftlos und verschrumpelt aussehen. "Kann vorkommen, dass manche Trauben nicht optimal mit Nährstoffen versorgt werden", erklärt Müller dieses Phänomen. Doch ich solle die Trauben probieren: Wenn sie süß sind, in den Eimer und wenn sie sauer sind, einfach auf den Boden werfen.

Apropos Boden: Bei einem Blick nach unten fallen mir die vielen verschiedenen Pflanzen und blühenden Blumen zwischen den Weinreben auf. Ringelblume, Borretsch, Dill, Wicke und wilde Möhre. Ich erfahre, dass in dieser Fahrgasse 25 verschiedene Pflanzen eingesät wurden, die nicht nur mithelfen, den Boden fruchtbar und locker zu halten, sondern viele Insekten anlocken, auch sogenannte Nützlinge. Raubmilben und Raubwanzen vertilgen beispielsweise Schädlinge wie die Obstbaumspinnmilbe. Jede jeweils zweite Reihe zwischen den Rebstöcken ist nicht ganzjährig, sondern nur vom Herbst bis zum ersten Frost mit Ölrettich begrünt, ansonsten würde die Wasserkonkurrenz im Sommer zu groß werden. Denn die Niederschläge in der Region sind recht gering.

Weinlese als Event

Eimer für Eimer der Ernte wandert auf den Anhänger, der vom Traktor gezogen langsam neben uns herfährt. Nach circa eineinhalb Stunden Arbeit ist der Traubenwagen voll und wir haben uns unser Pausenbrot verdient. Wir waschen unsere klebrigen, roten Hände notdürftig unter Kanisterwasser, kauen zufrieden leckeres Vollkornbrot und genießen den Blick über die hügeligen Weinberghänge. Ich erfahre, dass die anderen Erntehelfer aus Köln, Siegen, Frankfurt und Darmstadt schon am Vortag angereist sind. Zwei Gruppen von befreundeten Familien haben die Weinernte als einen Programmpunkt ihrer jährlichen Kurzreise gewählt, andere wollten schon immer wissen, wie das mit der Weinlese funktioniert. Sie kannten die Weine von Hans-Peter Müller aus Läden in ihrer Region und fanden sie so lecker, dass sie weitere Weine und auch den Winzer kennenlernen wollten. Übrigens ernten die Müllers, auch wenn wir nicht da sind, alles per Hand. Nur so kann man den Zustand der Beeren beurteilen und schlechte aussortieren.

Handarbeit gehört zur Philosophie

Weiter geht's schnipp schnapp, schnipp schnapp. Müller ruft uns zusammen und fragt, ob wir etwas dagegen haben, wenn er den Zeitplan umstellt. Er möchte das Mittagessen nach hinten verschieben, weil Regen in der Luft liegt. Den "riechen" wir zwar nicht, glauben ihm aber und machen auch den zweiten Wagen noch voll. Inzwischen wurde schon der Tisch für uns gedeckt: mitten im Weinberg. Nach getaner Arbeit schmecken die Pellkartoffeln mit Quark so lecker wie ein Gourmetmenü im Sternerestaurant. Die Kartoffeln sind auch aus eigener Ernte. Sie stammen aus den Zwischenreihen eines jungen Weinberges, der ein paar von den Bodennährstoffen noch an die Kartoffeln abtreten kann. Dazu gibt's auch schon eine kleine Kostprobe der Müllerschen Weine.

Nur eine halbe Stunde später als von Müller prognostiziert, fängt es langsam an zu tröpfeln. Wir machen uns auf den Weg zum Weingut. Dort ist die erste Fuhre unserer Ernte schon fertig ausgepresst und wandert zunächst in einen Stahltank: stolze 1.500 Liter. Darin wird der Wein vorerst gesammelt und durch die Zugabe von kleinen Mengen vermahlender Tonerde (Bentonit) geklärt. Bentonit bindet Eiweiß- und feine Trübstoffe. Die zweite Fuhre unserer Ernte kann nun in die Presse. Eine Förderschnecke am Boden des Traubenwagens schiebt die Trauben in eine Traubenmühle, aus der sie leicht angequetscht in die darunter stehende Traubenpresse (Kelter) fallen. Der Winzer misst das Mostgewicht, das ein Indikator für den Zuckergehalt ist, und zeigt sich sehr zufrieden mit dem Ergebnis. "Der ist so süß, der braucht keinen Extrazucker mehr", erklärt er. Auch nach den Biorichtlinien dürfen Qualitätsweine ohne Prädikat vor der Gärung mit Biozucker zur Alkoholerhöhung angereichert werden. Winzer Müllers Ziel ist es dennoch, auf Zugaben zu verzichten. Lieber stimmt er Anbau und Ernte so auf die klimatischen Verhältnisse und den Boden ab, dass das nicht nötig ist. Der Winzer führt uns auch durch die Keller, in denen der Wein in Holzfässern gärt und reift. In den Wänden liegen sehr sehr viele Weinflaschen. "Das sind Muster", erklärt der Hausherr, "falls mal etwas nachgeprüft werden muss und natürlich auch für den Hausgebrauch."

Weinprobe als Lohn der Arbeit

Jetzt sind wir gespannt auf den Geschmack der Weine. Zehn verschiedene verkosten wir und bekommen nicht nur Geschmack, Geruch, Alkohol, Säure und Zuckergehalt von Müller erläutert. Wir erfahren auch noch eine Menge über ökologischen Weinbau. Wem etwa die Traubensorte Dornfelder schmeckt, der sollte sich einen Vorrat davon anlegen. Vor 25 Jahren wäre er einer der ersten Winzer gewesen, der die bei den Verbraucherinnen und Verbauchern sehr beliebte Rebsorte angebaut hätte. Doch er will den Bestand, der erneuert werden müsste, nicht neu pflanzen, sondern auf andere Sorten umstellen. Dornfelder sei einfach zu anfällig gegen den Mehltau - eine Pilzkrankheit, die Reben häufig befällt. Im Vergleich zum Dornfelder verkosten wir einen sogenannten Piwi-Wein der Rebsorte Regent. Piwi steht als Abkürzung für pilzwiderstandsfähig. Selbst absolute Dornfelder-Liebhaber geben zu, dass hier eine gehaltvolle, fruchtbetonte Alternative gezüchtet wurde, an die man sich auch gewöhnen könnte ...

Von Früh- über Spätburgunder, dem Grauen Burgunder aus dem Jahrgang 2011 und Chardonnay bis hin zum jungen Federweißen probieren wir uns durch und bekommen dazu leckeren Zwiebelkuchen von der Hausherrin Margit Müller und ihrer Tochter Sabine serviert. Die gute Stimmung steigt genau wie der Geräuschpegel. Die Erntehelfer, die jetzt Gäste sind, plaudern angeregt und fachsimpeln über ihre Favoriten. Ich bin ein bisschen neidisch, weil ich zu denjenigen gehöre, die den Rest von der Probierportion jeweils in ein Ausgießgefäß kippt, weil ich noch Auto fahren muss.

Stilvolles Gästehaus

Diejenigen, die sich ein ganzes Wochenende in Volxheim gönnen, brauchen nach der Weinprobe nur noch 400 Meter weit hinüberzugehen zum Volxheimer Hof. Das Anwesen wurde 1993 durch den Bildhauer, Aktionskünstler und Fotografen Bruno K. zum Atelier- und Ausstellungskomplex gestaltet. Das liebevoll und sehr individuell eingerichtete angeschlossene Gästehaus wird neuerdings von Müllers Tochter Sabine geführt.

Autorin: Hella Hansen



Betriebsporträt: Weingut Brühler Hof

Das heutige Weingut Brühler Hof geht auf eine Hofstelle aus dem Jahr 1895 zurück. Knapp hundert Jahre später stellte Hans-Peter Müller auf ökologischen Weinbau nach EcovinRichtlinien um und führte zusammen mit seiner Familie den ehemaligen landwirtschaftlichen Gemischtbetrieb in die Flaschenwein-Vermarktung.
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Letzte Aktualisierung 21.10.2012

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