Mehr Wissen zum Ökolandbau in der Ausbildung

Interview mit Dr. Karl Kempkens zur Einbindung des Ökolandbaus in der Ausbildung

Dr. Karl Kempkens leitet den Fachbereich Ökologischer Land- und Gartenbau an der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen in Münster. Seit vielen Jahren setzt er sich aktiv für eine stärkere Einbindung von Inhalten zum Ökolandbau in der landwirtschaftlichen Berufsausbildung ein, wie in dem Projekt "bio-offensive". Zudem war er maßgeblich beteiligt an einer aktuellen Studie des BÖLN. Darin wurde untersucht, inwieweit der Ökolandbau in den einzelnen Bundesländern bereits in die Berufsausbildung integriert ist und mit welchen Maßnahmen eine stärkere Verankerung entsprechender Inhalte erreicht werden kann. 

Herr Dr. Kempkens, im Jahr 2017 haben in Nordrhein-Westfalen nur 1,4 Prozent aller Auszubildenden in der Landwirtschaft einen Abschluss zur Ökolandwirtin beziehungsweise Ökolandwirt gemacht. Sie fordern trotzdem, dass mehr Ökolandbau im Berufsschulunterricht vermittelt werden sollte. Warum?

Weil die ökologische Wirtschaftsweise eine immer wesentlichere Form der Landwirtschaft darstellt und für immer mehr Betriebe, auch in NRW wichtig wird. Derzeit wirtschaften in NRW knapp sieben Prozent der Landwirte ökologisch, aber es werden jedes Jahr mehr. Laut Deutschem Bauernverband denken 17 Prozent der Landwirte über eine Umstellung nach. Und abgesehen von den Zahlen: der Ökologische Landbau bietet viele Lösungsansätze auch für die Herausforderungen der konventionellen Landwirtschaft. Allein aus dem Grund sollte er fester Bestandteil der Ausbildung sein. 

Selbst wenn das Ziel 20 Prozent Ökolandbau bis 2030 erreicht werden sollte, werden immer noch 80 Prozent der Auszubildenden konventionell arbeiten. Welchen Anteil sollte Ökowissen vor diesem Hintergrund im Unterricht haben?

Prozentangaben helfen hier nicht. Ich denke, es sollte so viel Zeit zur Verfügung stehen, dass die ökologische Wirtschaftsweise mit allen Facetten in gleicher Weise gelehrt wird, wie die anderen Formen der Landwirtschaft. Die Schüler müssen mit Ende der Ausbildung wissen, was Ökolandbau ausmacht und wie er funktioniert. Nur so können sie ihn beurteilen und als eine gleichwertige Option wahrnehmen. Wenn das, wie im Rahmenlehrplan angegeben, mit 80 Stunden zu machen ist, prima. Wenn nicht, müssen es mehr Stunden sein. 

Wie sollte Ökolandbau überhaupt im Unterricht vermittelt werden? Als eigenes Fach oder integriert in die Fachgebiete Pflanzenbau, Tierhaltung etc.?

Aus meiner Sicht ist die beste Form die integrierte. Am jeweiligen fachlichen Inhalt orientiert, können alle Alternativen besser dargestellt und bewertet werden. Ich glaube aber, dass wir derzeit noch nicht so weit sind, dass das gelingt. Es gibt noch zu viele Lehrkräfte, die den ökologischen Landbau kaum kennen und sich daher schwertun, ihn integrativ zu vermitteln. 

Wie offen sind die meist konventionellen Auszubildenden für Wissen zum Ökolandbau?

Das hängt ganz vom Standort ab. Wenn ein Teil der Schüler von Ökobetrieben kommt, ist die Offenheit größer und auch Lehrkräfte tun sich dann leichter, Ökolandbau zu unterrichten. Aber wenn gar keine oder nur ein oder zwei Öko-Azubis in der Klasse sind, kann der Widerstand schon erheblich sein. Da scheint das alte Sprichwort zuzutreffen: "Was der Bauer nicht kennt, …". Die Offenheit der Schüler darf allerdings kein Kriterium sein, ob Ökolandbau unterrichtet wird. Gegebenenfalls helfen kreative Unterrichtsmethoden, wie praktische Beispiele belegen. 

Verfügen die Lehrkräfte an Berufsschulen über genügend Ökowissen, um die Inhalte angemessen unterrichten zu können?

Flächendeckend sicherlich nicht. Ökolandbau war lange, zu lange kein Thema. Es gab beziehungsweise gibt zwar den Rahmenlehrplan mit 80 Stunden "Alternative Landwirtschaft", aber das wird bis heute kaum umgesetzt. Daher haben sich die Lehrkräfte auch zum Ökolandbau nicht weitergebildet. Es sei denn, es bestand ein persönliches Interesse oder das Lehrerkollegium hat Themen des Ökolandbaus in den Lehrplan aufgenommen. Da gibt es wunderbare Beispiele an Schulen, die zeigen, wie es geht. 

In einer aktuellen BÖLN-Studie wurde unter anderem untersucht, inwieweit schon jetzt Ökowissen in der Berufsausbildung vermittelt wird. Sind Sie mit dem derzeitigen Stand zufrieden?

Ja und nein. Nein, weil Themen des Ökolandbaus derzeit leider noch zu wenig Platz finden in der beruflichen Bildung. Gerade an Schulstandorten mit wenig Ökobetrieben ist das so. Aber ich sehe überall eine Bereitschaft, an dieser Situation etwas zu ändern. Und das auf allen Ebenen der Ausbildungsverantwortlichkeiten. Von ehrenamtlichen Prüfungs- und Bildungsausschüssen über die Ausbildungsberatung und Lehrkräfte bis zu den zuständigen Stellen und den Ministerien wollen alle das Thema vorantreiben.

In Ländern wie Sachsen oder Bayern ist der Ökolandbau deutlich stärker verankert als etwa in Nordrhein-Westfalen. Was läuft in diesen Ländern anders?

Beide Länder haben das Thema systematisch angepackt. Da gab es einen politischen Willen etwas zu ändern. Es wurden Strategien und Maßnahmenpläne erarbeitet und alle Verantwortlichen einbezogen. In Bayern wurden Lehrpläne geändert, Lehrerfortbildungen und viele andere Maßnahmen durchgeführt. Ähnlich läuft es in Hessen. Alle drei Länder zeigen: Wenn das Thema von oben, also von den Verantwortlichen, systematisch angepackt wird, Personen mit der Umsetzung beauftragt und die Beteiligten mitgenommen werden, bewegt sich auch etwas. 

Wer bestimmt innerhalb eines Bundeslandes überhaupt, was in der landwirtschaftlichen Ausbildung unterrichtet wird?

Entweder es gibt einen Landeslehrplan oder es gilt der Rahmenlehrplan des Bundes. Soweit die Theorie. In der Praxis haben die Schulen allerdings einen hohen Grad an Eigenständigkeit. Und gerade in der Ausbildung hat der Berufsstand natürlich ein erhebliches Mitspracherecht. Die Bildungs- und Prüfungsausschüsse bestimmen über die überbetriebliche Ausbildung und die Prüfungen und damit auch über das, was gelehrt wird. 

Was kann aus Ihrer Sicht konkret getan werden, um mehr Ökowissen in der Ausbildung zu verankern? Wo gibt es die größten Hindernisse?

Eines der größten Hindernisse ist, dass Veränderungen immer anstrengend für die Beteiligten sind, weil es oft mit zusätzlichen Leistungen verbunden ist. Das kennt doch jeder aus seinem Umfeld. Bei diesem Thema müssten sich Lehrkräfte in neue Themen einarbeiten, es müssten Prüfungsfragen erarbeitet und Ökothemen in die überbetriebliche Ausbildung eingebaut werden und vieles andere mehr. Deshalb wäre es hilfreich, wenn es Menschen gibt, die diesen Prozess koordinieren und vorantreiben. Diese Koordinatoren müssten dafür mit einem Mandat und entsprechender Arbeitszeit ausgestattet werden. Und dann wäre natürlich eine Vernetzung der Verantwortlichen wichtig, damit man voneinander lernen kann. 

Können sich auch Biobetriebe und Bioverbände bei diesem Thema einbringen?

Das können und sollten sie sogar. Je mehr Ökobetriebe ausbilden und sich in Prüfungs- und Bildungsausschüssen engagieren, desto größer sind die Chancen, dass auch Ökothemen geprüft und damit auch unterrichtet werden. Weiterhin ist es hilfreich, wenn Ökobetriebe sich bereit erklären, Schulklassen auf ihren Höfen zu empfangen und den jungen Menschen die ökologische Wirtschaftsweise praxisnah vermitteln. Ökolandwirtinnen und –landwirte oder Beratungskräfte der Ökoverbände könnten auch in die Schulklassen gehen und praxisnahe Inhalte in den Unterricht einbringen. Außerdem könnten die Ökoverbände die Ausbildungsstätten mit Infomaterial wie ihren Fachzeitschriften ausstatten. Denn hier besteht großer Bedarf.


Letzte Aktualisierung 02.05.2019

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